Kategorie-Archiv: Durch die Nacht

Mein erstes Mal Metal.

Alles beginnt mit einem Anruf, einer übrig gebliebenen Konzertkarte und einer Stunde Zeit bis zum Treffpunkt.

Es ist irgendwie Heavymetal, es ist nicht meine Musik, nicht mal meine Freunde, nur ein entfernter Bekannter und ein Montagabend, der nicht auf dem Sofa verbracht werden möchte.

Ich bin mir unsicher, was ich anziehen soll und ob ich Spaß haben werde, fürchte um mein Gehör und verdränge die Bilder der letzten Wackenreportage.

Also schwarze Strümpfe, schwarzer Rock, dunkel wird es sicher sein und wenn es hart auf hart kommt bin ich damit gut getarnt und fast unsichtbar.

Bahn fahren, verlaufen, in die falsche Veranstaltung nebenan platzen. Ankommen verläuft nach Standard.

Hände schütteln, Namen sagen, reingehen, Bier kaufen.

Bisher hat mir niemand was getan.

Wir machen den alten Jacke-in-Jacke-Trick, um einen Euro für die Garderobe zu sparen, in dem Wissen, dass er eh nicht funktioniert, der Türsteher stempelt mich mit „gesehen“ ab, ich smalltalke und schaue mich um.

Wie erhofft ausreichend Männer mit langen Haaren und blutverschmierten Monstern auf dem Shirt.

Aber auch eine Menge gepflegter Kurzhaarschnitte, hochgekrempelte Bürohemden mit durch blitzenden Tattoos, Jungs die meine kleinen Brüder und Frauen die meine Mütter sein könnten.

Es ist ein interessantes Publikum.

Und ein nettes.

Alle stellen sich brav in den Raucherbereich, an der Bar wird sich fürs Drängeln entschuldigt, Leute lachen und umarmen sich zur Begrüßung.

Die Vorband schreit schon, trotzdem sind alle entspannt, man kommt schnell ins Gespräch. Kinder, Beruf, Urlaub.

Nichts von Blut trinken, Axt schwingen und Teufel beschwören.

Hätte ich also eh die falschen Themen gegoogelt, wenn dafür noch genügend Zeit gewesen wäre.

Vorband vorbei, noch eine rauchen, noch ein Bier.

Reingehen?“

Klar, ich freu mich schon ein halbes Jahr drauf!“ erwidere ich grinsend und die Jungs grinsen zurück und wir stoßen an.

Auf dem Weg treffe ich meinen Anwalt, auch wir stoßen an, begrüßen den glücklichen Zufall und erreichen den Saal.

In der Mitte eine rechteckige Tanzfläche, drumherum viele Stufen, wie eine Arena mit Rängen.

Es ist gerade voll genug, laut genug, heiß genug.

Wir schieben uns bis in die Mitte des Vierecks, da, wo gleich geschubst wird.

Der Mann hinter mir ist mindestens zwei Meter groß und da mir was an körperlicher Unversehrtheit liegt, schaue ich ein wenig ängstlich.

Er fragt lächelnd, ob wir Plätze tauschen wollen, ich nehme lächelnd an, winke meinen eigentlich Begleitern zu und stelle mich neben meinen Anwalt ans hintere Ende der Tanzfläche.

Das Licht wird dunkler, um uns herum wird es enger, die Menge skandiert den Bandnamen.

Als die auf die Bühne kommt, recken sich alle Arme zum Metalgruss nach oben.

Jetzt hat es doch etwas sektenhaftes.

Für einen kurzen Moment bin ich sicher, hier rein gelockt worden zu sein und bereite mich darauf vor, mein Leben als Opfer auf einem Altar aus rotem Samt zu beenden.

Blick rüber zum Anwalt.

Der wiegt mit dem Kopf im Takt und klatscht dazu.

Also auch mal klatschen probieren.

Hallo Hamburg! Scream!“

Und Hamburg screamt. Und um mich herum springen alle und stoßen sich aneinander ab, auf einander zu, miteinander um.

Taumeln, drehen, Haare schmeißen.

Es ist eine riesengroße Schulhofkeilerei.

Als jemand etwas vom Boden aufhebt, stellt sich sein Kumpel schützend vor ihn, ein anderer streckt einen Schuh in die Luft, auf der Suche nach seinem Besitzer.

Sie heben sich gegenseitig hoch, nehmen Anlauf und rammen sich in die Masse, bilden Spaliere, um dann aufeinander zu prallen.

Selten hab ich glücklichere Menschen gesehen.

Es wirkt wie ein gepflegtes Ausrasten. So, als achteten alle in diesem Menschenbrei irgendwie aufeinander.

Ich signalisiere durch das Betreten der ersten Stufe oberhalb des Hexenkessels, dass ich lieber nicht geschubst würde und werde dies den ganzen Abend auch kein einziges Mal.

Wenn Leute an mir vorbei wollen,fassen sie mich sanft am Ellenbogen,lassen mir Platz um ihnen Platz zu machen, sagen Danke.

Beim letzten Konzert einer angesagten Indieband kam ich nicht aufs Klo, ohne mir drei Haarbüschel ausreißen zu lassen.

Ich entspanne mich, konzentriere mich auf die Musik.

Man spürt den Bass in den Füßen, im Bauch, meine Haarspitzen vibrieren.

Es ist laut, es ist schnell, es tut gut.

Ich verstehe kein Wort.

Wenn es nach mir ginge, spielt die Band ein anderthalb Stunden langes Lied und der Mann am Mikro hat unglaubliche Schmerzen.

Aber das ist gerade egal.

Ich fühle wie der Boden unter mir bebt und dann, wie ich mich selber bewege.

An einer Stelle schüttle auch ich kurz meine Haare und blicke danach beschämt nach links und rechts.

Scheinbar nichts falsch gemacht.

Der Anwalt und ich tanzen und klatschen, johlen, wenn der Bandleader es verlangt, es wird heißer, lauter, besser.

Die ersten ziehen ihre Shirts aus, alle schwitzen, keiner kümmert sich darum, sie springen noch immer, recken die Arme nach oben und sind glücklich.

Und ich bin es irgendwie auch, in meinem Kopf ist endlich nichts mehr außer Bass, Gitarre und Schlagzeug, einmal ganz gedankenlos.

Neben mir tanzt ein Mädchen, ihr Freund kommt aus der Masse auf sie zu gerannt, schweißnass schüttelt er sich vor uns wie ein Hund nach dem Regenspaziergang.

Wir lachen beide und er lacht mit, ich kann den Schweiß fremder Leute nicht ekelig finden, nicht heute.

Zwischen zwei Liedern sehe ich meine nach oben gestreckten Hände.

Sie machen den Metalgruss.

Dann ist es vorbei, die Band lässt sich noch zweimal auf die Bühne brüllen, das Licht geht an, wir holen die Jacken.

Ich betrachte die vielen klatschverschwitzten Männer, die beseelt versuchen, ihre Kleidung aus zu wringen oder sich gleich neue am Merchandisingstand kaufen.

Morgen müssen alle arbeiten, nochmal Hände schütteln, bedanken, durch atmen, rauchen, verabschieden.

Der Anwalt und ich nehmen die Bahn zum Kiez, werten den Abend in Einzelheiten aus, schätzen die Abmischung gleich ein, rätseln, wer denn nun der Gitarrist war, reden und reden und wollen eigentlich gar nichts sagen.

Nur nachspüren.

Am Tresen stoßen wir mit Sekt an, wir haben uns zu feiern.

Die Barfrau schenkt uns Schnaps, lässt sich vom Abend erzählen, die Kneipe füllt sich mit anderen Konzertbesuchern, alle grinsen und trinken und sind immer noch glücklich.

Metal wird sicher nie meine Musik, aber die Menschen waren gestern abend meine.

Und falls mir jemand einen Platz im Zelt aufm Wacken anbietet, ich bin dabei.

Rache macht blau.

Ich hab dich so lieb gehabt.

Du bist der schönste Mann den ich je gesehen habe und mit dir zusammen war alles gut.

Wie auf Wolken bin ich geschwebt und selbst wenn es mal Regen gab, ist er abgeperlt an meinem Glanz aus Glück.

Wir beide gegen den Rest der Welt.Da haben wir zwar immer verloren, aber wir habens gemeinsam getan.

Ich hab dich so lieb gehabt.

Und jetzt hast du mich verlassen.

Für Jenny, 21, 34/36, 85 D, Fußpflegerin. Ausm Osten.

Und ich kann es verstehen.

Ich hätte es an deiner Stelle ja nicht anders gemacht.

Sie ist Filet Mignon und ich eher so Bockwurst.Geplatzte.Vielleicht mit Senf.Allerdings ohne Brötchen.

Aber ich bin trotzdem traurig.

Ich bin so traurig.

Und sauer.

Ich bin total sauer!

Und ich will Rache.

Die Augen werde ich ihr auskratzen, das Gesicht unter dem blondierten Pony zerschneiden und überhaupt kein gutes Haar werde ich an der Schlampe lassen und dir zersteche ich die Reifen und werfe dir faule Eier in die Wohnung und deinem Chef erzähl ich, dass du Büroklammern klaust und auf dem Schwarzmarkt ein Vermögen machst.

Das Küchenmesser und die Türklinke in der Hand werfe ich noch einen letzten Blick in den Spiegel.Vielleicht ist das Schweißband keine so gute Idee.Bei Rocky sahs cool aus,aber seines war auch nicht rosa und mit dem Werbeaufdruck der benachbarten Videothek versehen.

Außerdem bin ich Pazifistin.

Ich mein, ich schlag ja nicht mal meine Sahne.

Also bin ich wieder traurig.

So traurig.

Dann sitzt du jetzt also mit Jenny an der Bar. Jenny mit ihren perfekt lackierten Fußnägeln in kleinen Schleifenballerinas.

Ihr Hintern wird besser auf den Barhocker passen als meiner und ihr werdet lachen und du wirst Geld in die Jukebox schmeißen und unser Lied an Jenny verschenken und sagen, es sei jetzt euers.

Und ihr werdet Wodka trinken, so wie wir es immer getan haben.

Du trinkst immer nur Wodka.

Weil es cool aussieht und schön macht.

Das ist die Idee.

Der Geistesblitz trifft mich an der linken Schläfe.

Ich werde meine Rache bekommen.

Subtil wird sie sein,aber grausam.

Ein Schlag von dem du dich nicht so schnell wieder erholen wirst.

Ich geh jetzt raus und trinke den ganzen Wodka Hamburgs leer.

Es wird keinen mehr geben,weder für dich noch für Hornhautraspel-Jenny und dann mußt du Bier trinken und wirst uncool aussehen und Jenny wird dich verlassen und dann bist du so traurig wie ich jetzt.

Der Plan ist perfekt.

Außerdem kann ich in diesem Fall das Stirnband auf behalten.

Könnte noch nützlich sein.

Also trage ich jetzt meine Haare offen und meinen Kopf oben und beginne mein teuflisches Werk bei Ali am Kiosk.

Gib mir allen Wodka, den du hast, jedes noch so kleine Schlückchen, hörst du? Es geht um Leben und Tod und Blutrache!“

Ali guckt.

Hä? Kaufst du immer Astra, hab isch immer Astra.“

Defizil lege ich Ali meinen Racheplan da und weihe ihn in die Genialität der unterschwelligen Brutalität ein. Wärenddessen trinke ich halt Astra,weil Ali keinen Wodka hat und der Mensch ja trotzdem Flüssigkeit braucht.

Ali sagt:

Hör doch auf mit Sauferei. Wirst du betrunken nur gevögelt, nicht geheiratet.“

Ich sage ihm, dass es darum jetzt aber nicht geht und ich weiter muss,wenn ich bis Sonnenaufgang fertig sein will.

Zwei Häuser weiter die erste Kneipe.

Ich kenne sie nicht, beschließe aber, hier anzufangen, weil eine so gut wie die andere ist und ich ja irgendwo anfangen muss.

Drinnen ist es sehr dunkel.

Die Luft ist verraucht,die Musik laut an den Wänden hängen Ketten und Käfige, die Männer tragen lange Haare und die Frauen Leder.Ich habe keine Ahnung,wo ich hier rein geraten bin und ob ich lebend wieder raus komme.

Als ich das Schild über dem Tresen sehe, bin ich erleichtert:

Hoheitsgebiet der Hells Angels.“

Hier gibt es auf jeden Fall Wodka.

Den bestelle ich auch.

Wodka bitte!“

Einen?“

Allen.“

Die Musik verstummt.

Plötzlich ist es totenstill.

Die Männer in den Jeanswesten drehen sich langsam zu mir um, die Frauen ziehen erwartungsvoll die Augenbrauen nach oben, die Blicke des ganzen Ladens ruhen auf mir.

Die Luft ist zum zerreißen gespannt.

Warum hat man eigentlich nie eine Stecknadel, wenn es einen Moment gibt, an dem man sie fallen hören könnte?

Obwohl, vielleicht auch nicht.

Der Laden wirkt nicht, als würde er regelmäßig gewischt.

Ich denke noch darüber nach, warum ich gerade jetzt darüber nachdenke, da stellt der Barmann eine Literflasche Smirnoff auf den Tresen.

Dann trink Mädchen.“

Kann ich einen Strohhalm haben?“

Unter den aufmerksamen Augen von 25 Rockern mache ich mich frisch ans Werk.

Ein bißchen tun sie mir leid.

Sie können ja nicht ahnen, dass ich aus Westfalen komme und den Schnaps praktisch mit der Muttermilch aufgesogen habe.

Frühschoppen war schon immer der einzige Sport, in dem ich gut war.

Die Flasche ist also in fünf Minuten erledigt und ich ein offizielles Mitglied der Tresenmannschaft im Steppenwolf.

Sie können meine Rachegelüste nach voll ziehen und bieten sich freundlicherweise an, Jenny oder dich mit dem Motorrad zu überfahren und in der Elbe zu versenken.

Ich glaube ihnen,dass sie das nicht zum ersten Mal machen und daher ihr Handwerk verstehen, erkläre aber, das ich diese Sache allein tun muss.

Das verstehen sie.

Der Barmann stellt mir die gesamten Wodkavorräte auf den Tresen und ich kann ne Viertelstunde später theoretisch einen Harleyreifen wechseln.

Als ich ausgetrunken hab stehe ich auf und zum ersten Mal kommt mir die Idee,dass mein Plan scheitern könnte.

Ich bin voll wie zwanzig Russen.

Freunde, ich muss weiter!“ lalle ich gegen die Musik an und falle wie zur Bestätigung erstmal der Länge nach hin.

Mein neuer Freund Hartmut nutzt die Gelegenheit und tatoowiert mir einen Anker auf den Oberarm.

Ich beschließe mich morgen darum zu kümmern, denn die Sache muss weiter gehen.

Aufgerappelt und in die Kneipe gegenüber.

Nur Männer in hellblau-weiß-gestreiften Hemden.

Entweder ist das hier ein Treffen der Metzgerinnung oder der totale Yuppischuppen.

Ist aber egal, ich kriege meine zwei Flaschen Wodka und die volle Unterstützung der Barfrau.

So kämpfe ich mich durch die Nacht, von Tresen zu Tresen, mit meinen traurigen Augen und einer Mission.

Manche weinen mit mir, andere haben aufmunternde Worte, wenige stecken mir Geld zu.

Alles was ich tue, ist anstoßen und trinken und dich hassen.

Dich und Jenny und das ihr mich dazu gebracht habt, meinen Monatslohn zu versaufen.

Als es schließlich dämmert, ist es vollbracht.

Der Portier vom Atlantic versichert mir glaubwürdig,das er die Minibars dreimal kontrolliert habe und ich gerade die letzte noch übrige Flasche ansetze.

Ich trinke auf sein Wohl und lehne das Taxi dankend ab.

Ich will nochmal über den Kiez gehen, nochmal die Stationen meines Triumphes an mir vorüber ziehen sehen und mir dein Gesicht vorstellen, wenn du Wodka bestellst und keinen bekommst und dich dann an deiner Altbierbowle festhältst und Jenny dich sieht und auf der Stelle sitzen läßt.

Das hab ich alles ganz allein geschafft.Ich bin nämlich die Größte.Die Allerallergrößte!“

schreie ich in die Nacht hinein und hangel mich vom Laterne zu Laterne.

Zwischendurch krieche ich ein Stück,da meine Beine den Dienst komplett versagen.

Rache ist süss. Und diese Nacht war wie Zuckerwatte mit Guss.

Du bist sowas von erledigt.

Kurz vor meiner Haustür kommst du mir entgegen.

Hand in Hand mit Jenny.

Hey! Wir waren auf dem Markt und haben Apfelsinen gekauft. Wir machen jetzt Saft selber.Wir sind nämlich jetzt straight edge.“

Ich starre.

Durch euch beiden, durch die Hauswand und über den Horizont hinaus.

Zu mehr bin ich weder in der Lage noch motiviert.

Solltest du vielleicht auch mal überlegen, würde dir sicher gut tun!Siehst bißchen fertig aus.“

Ich nicke und winke zum Abschied.

Und dann dreh ich mich um und geh zu Ali.

Astra kaufen.

Erleuchtet.

Lange war ich ein glücklicher Single.

Doch in letzter Zeit hätte ich immer öfter gern einen Ehemann.

Einfach weil ich glaube, dass ein Ehemann in vielen Situationen sehr nützlich sein könnte.

Zum Beispiel wenn ich gern etwas bewerfen würde.

Ich werfe nämlich sehr schlecht.

Genauer gesagt treffe ich bei acht von zehn Versuchen etwas weg zu schleudern mich selbst.

Das sieht blöd aus und tut weh.

Mein Ehemann könnte sicher viel besser und weiter werfen.

Außerdem würde mir eine Ehe ganz neue Einkaufserlebnisse bescheren. Es müßten nicht immer nur Taschen und Schuhe sein, sondern ich könnte ihm aus dem Baumarkt einfach so ein paar Schrauben mitbringen,damit er sich was Schönes spaxen kann.

Ich hätte jemanden, den ich nachts wecken und dann grundlos anbrüllen könnte, weil ich nicht mehr einschlafen kann.

Und niemand würde mehr versuchen,mir mein schlechte Laune auszureden. Schließlich ist die Ehe als Begründung für miese Stimmung vollständig gesellschaftlich akzeptiert.

Alles gute Gründe, sich einen zum heiraten zu suchen.

Alles gute Gründe.

Leider fiel mir keiner davon mehr ein, als ich mit schweißnassen Händen und astronomischen Blutdruck im Café saß und auf mein Blind-Date wartete.

Auf diese Idee war ich mit einer Freundin und zwei Flaschen Wein an einem Donnerstagabend gekommen.

Wein ist übrigens noch ein guter Grund für einen Ehemann.Ich könnte dann auch mal welchen trinken, der keinen Schraubverschluss hat.

Erik hieß der Unbekannte, der mich zum Kaffee einladen und dann ewig glücklich machen sollte.

Erik hatte sich wie ich in einer dieser Internetsinglebörsen angemeldet, war solvent, berufstätig, Anfang 30, mochte ausgedehnte Strandspaziergänge, Antipasti und Sonntagnachmittage im Museum.

Da ich vorhatte, mich in meiner Ehe auf jeden Fall zu langweilen, schien er der perfekte Kandidat.

Nach einem kurzen Nachrichtenaustausch war der Treffpunkt schnell ausgemacht.

Fotos tauschten wir nicht, Erik fand es so prickelnder.

Prickeln war allerdings ganz genau das, was ich nicht verspürte, als Erik das Lokal betrat.

Eigentlich betrat er es nicht, Erik schwebte.

Eine Mischung aus Thomas Gottschalk und Reinhold Messner mit schulterlangem wallenden Engelshaar, von Kopf bis Fuss in fließendes beiges Leinen gehüllt. Barfuss.

Diese Erscheinung brachte mich kurzfristig zum totalen Erstummen und die Kellnerin dazu, mir wortlos ein Bier hinzustellen.

Ich klammerte mich hilflos daran, denn meine Hoffnungen auf eine baldige Vermählung hatte ich bereits losgelassen.

Der Erik fand „es ganz toll, dass wir das so spontan gemacht“ hätten, denn „Stillstand, ja, Stillstand ist der Tod“ und „ey,das könnte man ja auch schon in der Pflanzenwelt sehen“, sowieso „sollten wir alle viel mehr mit unseren Schwestern Flora und Fauna in Einklang kommen,“ und er „der Erik, würde sich seine Wohnung jetzt probehalber mit ner Schleimpilzkolonie teilen.“, die „würden halt nicht abwaschen, seien aber ansonsten sehr intelligent.“

Mir fiel nicht mehr ein als „Hmm.“ zu sagen und der Bedienung zu bedeuten, man solle mir mit dem nächsten Bier gleich nen Schnaps bringen.Oder besser zwei.

Erik trank Matetee.

Weil „Alkohol so, ne, der behindert voll deinen Energiefluss, ey“ und außerdem „vergiftest du dich selber und das ist ja auch ein Zeichen,das du dein inneres Kind nicht lieben kannst und man muss ganz dringend mit seinem inneren Kind mal aufn Spielplatz und schaukeln, für die Balance und so.“

Naja, jeder wie er mag.“ versuchte ich die Stimmung zumindest versöhnlich zu gestalten.

Esoterik-Erik reichte das für einen weiteren halbstündigen Monolog, „ne, du,auf jeden Fall, jeder muss seine eigenen Vibes haben und da mit sich selber im Rhythmus trommeln.“

Was hieß, ich konnte weiter saufen, er weiter reden. Für den

Moment schien uns das beiden zu reichen.

Und der Erik hatte immerhin auch schon eine Menge gemacht.

Er hatte Energiesteine in Indien gesammelt, war den spirituellen Weg der Erleuchtung rückwärts gelaufen, dreifacher Reikimeister, konnte Räucherstäbchen am Geschmack erkennen und hatte sich in einem Körper-Geist-Seele Seminar mit seiner eigenen Homosexualität konfrontiert und sie besiegt.

Außerdem fiel mir jetzt, nach sechs Bieren und drei Jägermeistern zusätzlich auf, dass er mit seinen langen blonden Haaren wie der junge Angelo Kelly aussah.

Dieser hatte lange meine Teenagerphantasie beflügelt und als Poster über meinem Bett gehangen.

Und Esoterik-Erik sprach genau wie Angelo sang, so beruhigend und warm und voller Liebe.

Das letzte an was ich mich erinnere, ist meine Zustimmung zu einer Privatstunde in tantrischer Erlebnispädagogik.

Da sind einzelne Bilder von Eriks Hand auf meinem Rücken, Tarotkarten und Gebetsfahnen, einer schwungvoll zu Seite gestoßenen Klangschale und ich meine mich dran zu erinnern, in Tofu gewälzt worden zu sein.

Dann wird alles dunkel.

Am nächsten Morgen wache ich mit einem Yogamattenabdruck am Hintern und einem stattlichen Kater auf.

Neben mir liegt ein Zettel:

Bin weg. Mich selber suchen. Erik.“

Und ich fühle mich erleuchtet.

Heiraten lieber erstmal nicht.