Kategorie-Archiv: Das Geldverdienen

Da muss man jetzt durch.

Er ist Mitte 80 und zum ersten Mal im Krankenhaus.

Es ist nichts Ernstes, nur eine Kleinigkeit, aber trotzdem müssen wir jetzt gut auf ihn aufpassen.

Das erkläre ich ihm während ich Elektroden auf seine Brust klebe und den Monitor anschalte. Ich schließe die Kabel an und zeige,welche Werte ich jetzt erkenne.

Alles in Ordnung.

Ob er allein zu hause lebe, oder ob jemand zum helfen vorbei komme, frage ich routinemäßig.

Er sei jetzt leider allein.

Seine Frau sei letztes Jahr gestorben, nach 56 Jahren Ehe und 2 Jahren schwerer Krankheit.

Da müsse er jetzt durch.

Ihr Foto steht in der Stube, daneben immer Blumen.

Gequält hat sie der Krebs im Bauch. Er war die ganze Zeit bei ihr, hat zum Schluss nur gedacht:

Mädchen, schlaf doch endlich ein!“

Das letzte was sie gesagt hat war:

Tut mir leid, dass ich dich jetzt alleine lasse.“

 

 

 

Sie kommt jeden Tag um neun ins Hospiz.

Der Weg mit dem Bus ist nicht weit, dauert aber trotzdem lange.

Sie muss zweimal umsteigen und der Rücken macht nicht mehr so mit.

Jeden Morgen ist sie da, weil sie weiß, dass er sich Sorgen macht, wenn sie sich auch nur zehn Minuten verspätet.

Jeden Morgen hab ich ihn um neun an den Tisch gesetzt und zwei Kaffeetassen hingestellt.

Den Honigtoast isst er vorher, mit dem Kaffee wartet er auf sie.

45 Jahre sind sie zusammen, haben zwei Kinder groß gezogen und ein Haus gebaut. Es war nicht immer einfach.

Jetzt ist das Haus abbezahlt, die Kinder groß, beide sind in Rente.

Und sie sitzt allein abends auf der Terrasse und weiß, dass er nicht mehr heim kommt. Das es ab jetzt nur noch schlechter werden wird. Noch kann er sprechen und essen, laufen klappt schon lange nicht mehr. Sie sagt ihm nicht, wie ernst seine Werte wirklich sind, sie kennt den Arzt und gemeinsam tauschen sie ein paar Zahlen.

Es war nicht immer einfach und hätte jetzt alles so schön sein können.

Ist es aber nicht.

Da muss sie jetzt durch.

 

 

 

Er weiß, dass sie ihn nicht mehr sehen kann.

Schon seit vier Jahren, nach dem Schlaganfall, ist sie blind.

An guten Tagen erkennt sie seine Stimme und nimmt seine Hand, an weniger guten denkt sie, dass sie in ihrem Elternhaus sei und fragt immer wieder nach seinem Namen.

Sie haben im Krieg geheiratet, da war kein Geld für eine kirchliche Trauung da.

Das haben sie nachgeholt, an ihrem 50. Hochzeitstag.

In einer großen Kirche, mit allen Freunden.

Danach haben sie Skiurlaub gemacht.

Jetzt liegt sie im Bett und öffnet kaum die Augen.

Warum er immer noch jeden Tag käme und bis zum Abend bliebe, fragen ihn Leute.

Im Krieg und in der Kirche, im Abstand von 50 Jahren haben sie gesagt: „Bis das der Tod uns scheidet.“

Da muss er jetzt durch.

 

 

 

Alle drei fragen mich, warum ich denn nicht verheiratet sei.

Weil ich warte, bis ich einen finde, mit dem ich 50 Jahre zusammen da durch will.“, sage ich und versuche zu lächeln.

Heute freut ihr euch gefälligst.

Heute will ich nichts hören.

Über baldige Montage, prokrastinierte To-Do-Listen, das laute Liebesspiel der Nachbarn und vor allem nichts übers Wetter.

Heute freut ihr euch, egal ob es regnet oder die Sonne scheint, dass ihr das sehen könnt, aus dem Fenster heraus oder auf der Straße.

Das ihr wißt, was rot und blau sind und euch niemand sagen muss, auf welcher Uhrzeit die Erbsen auf dem Teller liegen.

Ich will nichts hören über den Kater nach zu viel Bier, nervende Kunden oder eure zu dicken Hintern.

Heute freut ihr euch, dass ihr diesen Hintern alleine aufs Klo bekommt und danach sauber machen könnt, dass ihr niemanden braucht, der euch dafür aus dem Bett hebt und danach wäscht.

Ich will nichts hören über zu volle Busse, verspätete Bahnen oder allgemeine Müdigkeit.

Heute freut ihr euch, dass ihr schlafen gehen könnt, wann immer ihr wollt, dass ihr nicht warten müßt, bis jemand Zeit hat euch die Decke um die Füße zu schlagen, weil ihr selber nicht dran kommt.

Das ihr nicht kurz nach dem Abendbrot schon im dunklen Zimmer liegt, eben einfach, weil jemand anderes findet, dass es jetzt Zeit dafür ist.

Das ihr euch dreht, automatisch, jede Nacht, ein paar dutzendmal, weil euer Körper es kann.

Das niemand kommt um das mit euch zu tun,damit ihr euch nicht wund liegt, alle zwei Stunden. Jede Nacht.

Ich will auch nichts über schlecht sitzende Frisuren hören, über schlecht riechende Sitznachbarn oder schlecht schmeckendes Mensaessen.

Heute freut ihr euch, dass ihr alleine essen könnt, wann immer ihr wollt, wieviel ihr mögt.

Das euch niemand den Mund zum Löffel führt und nachschaut, ob ihr die Wangen leer macht.Das euch von mir aus Fast Food ernährt oder Schokolade oder auch der Pizzadienst, aber auf keinen Fall ein Schlauch in der Nase.

Ich will nichts hören über zu laute Kinder, das schlimme Fernsehprogramm und die Frage, warum er nicht anruft.

Heute freut ihr euch, dass ihr an einen Ort ohne Kinder gehen könnt, den Fernseher einfach wieder ausschalten und das Telefon nehmen und ihn anrufen.

Das ihr niemanden braucht, der euren Rollstuhl schiebt, eure Finger auf der Fernbedienung führt und euch den Hörer ans Ohr hält.

Heute will ich all das einfach nicht hören.

Heute sollt ihr mal kurz die Klappe halten.

Und euch gefälligst freuen.

Über all diese stinknormalen Sachen.

Und dann weitermachen.

Irgendwann ist wieder Montag, wieder Regen, sitzt die Frisur schlecht und er ruft nicht an.

Und dann hör ich euch auch wirklich gerne wieder zu.