Turnhallentrauma.

Wie bereits mehrfach erwähnt, war ich ein dickes Kind.

 

Mit Puddingärmchen und Puddingbeinchen, die bei einem Säugling Passanten noch nach Kindchenschema zum Verzücken bringen, bei einer Achtjährigen aber eher die Frage der Verwahrlosung in den Raum stellen.

 

Ein einziges Mal spielte ich in meiner Schulzeit die Hauptrolle in einem Theaterstück.

Dem Märchen vom dicken, fetten Pfannekuchen.

 

Gleichzeitig besaßen wir wenig Geld und meine Mutter schnitt uns aus Sparmaßnahmen den Pony selbst. Grade und kurz über den Augenbrauen endend.

 

Dieser Frisurenwahnsinn, der uns Kinder der frühen 80er gepaart mit Radlerhosen und einem furchtbaren Musikgeschmack das Leben sowieso schon schwer machte, war aber nicht mein größtes Problem.

 

Sondern das, was alle dicken Kinder zutiefst traumatisiert und Scharen von Therapeuten Jahre später Brot und Miete sichert:

 

Der Sportunterricht.

 

Es fing schon beim Umziehen an.

Das Problem daran war, kurzzeitig nackt zu sein.

 

Pubertierende Mädchen sind nicht gerade Verfechter von Solidarität, Anstand und Moral.

Es sind wilde Raubtiere,jederzeit bereit durch einen abschätzigen Kommentar eindeutig klar zu machen, wer an der Spitze der Hackordnung steht.

 

Es ist subtiler als unter Jungen.

Es sind keine Schläge, es sind Emotionen.

 

Ein Blick der Klassenschönheit auf dein gräulich ausgeleiertes Sportbustier und für die nächsten Wochen stehst du als Spottobjekt der 7d unumstößlich fest.

 

Mit der Zeit kannte ich alle Tricks.

 

Das Sportshirt schon in der großen Pause auf dem Schulklo drunter ziehen.

Entweder sehr schnell oder sehr langsam sein, um die Umkleide für sich allein zu haben.

Den schwer einsehbaren und strategisch gut gewählten Platz direkt hinter Tür.

 

Zusätzlich zog ich stets zwei Unterhosen übereinander, um den straffenden Effekt eines Stützstrumpfes zu imitieren.

 

Hätte ich soviel Ehrgeiz in meine gesamte Schulkarriere investiert, wie in die Planung mich meinen Mitschülerinnen auf keinen Fall nackt zu präsentieren, wer weiß, was aus mir hätte werden können.

Ärztin, Astronautin, Professorin.

 

So hingegen kann ich mich einfach wahnsinnig schnell an- und wieder ausziehen.

 

Jeder Versuch meinen Lebenspartner durch langsames Abstreifen meiner Kleidung zu körperlichen Höchstgelüsten anzustacheln, scheitert.

Wobei nicht das größte Problem ist, dass ich in fünf Sekunden nackt bin, sondern eher, das ich sofort nach Entledigen meiner Sachen in der Hälfte der Zeit die Hosen wieder an hab.

Er muss also den Raum verlassen, wenn ich die Kleidung ablege und den richtigen Moment abpassen, in dem ich gerade unter die Decke geschlüpft bin, um meine Klamotten dann so zu positionieren, dass ich sie auf keinen Fall erreiche, bis er mich auf andere Gedanken als Wiederbekleidung gebracht hat.

 

Erotik geht anders.

 

Aber die Umkleide war nur der Auftakt.

Das wirkliche Drama spielt sich in der Turnhalle ab.

 

Warmlaufen.

 

Ein so nettes Wort für eine so hässliche Sache.

Ich musste sicher zwanzig Kilo zu viel mit mir herumschleppen, nach drei Runden im Kreis war mir nicht warm, sondern ich war beatmungspflichtig.

 

Alles, was ich wollte war, dass es aufhört.

Das ich mich hinlegen und sterben kann.

 

Alles, was mein Sportlehrer wollte war, dass ich Liegestützen machte.

 

Diese Forderung unterstrich er mit einer Trillerpfeife und meinem mehrfach laut gebrüllten Namen.

Bis auch jeder Depp in der Mehrzweckhalle verstand, dass die Dicke es nicht kann.

 

Mit Tränen in den kleinen Rosinenaugen rückte die nächste Stufe der Demütigung unaufhörlich näher.

 

Zirkeltraining.

 

Sprossenwand, Hängeseil, Medizinbälle.

Nie hab ich diesen Namen verstanden, denn Medizin sollte gut für Menschen sein, sollte sie heilen und ihnen Schmerzen nehmen, keine zufügen.

 

Ich konnte weder klettern, noch laufen, noch werfen.

Seit der fünften Klasse hatten meine Sportnoten mir das bestätigt, meine Lehrer mir das eingetrichtert, das spöttische Lachen meiner Mitschüler das deutlich gemacht.

 

Geräteturnen.

 

Keine Ahnung, wer sich mehr quälte. Ich, bis ich meine dicken Ärmchen endlich das Reck hoch gestemmt hatte, oder mein Lehrer bei der Hilfestellung zum Feldaufschwung.

Wir stöhnten beide und gaben uns die nächsten Jahre im stillen Einverständnis damit zufrieden, dass ich diese Übungen verweigerte und eine Sechs kassierte.

 

Durch meine Noten in allen Fächern ohne Bewegung konnte mir das egal sein.

 

Und da ich immer meine Hausaufgaben teilte, wurde ich als Gegenzug als höchstens Vor-vorletzte in die Brennballmannschaft gewählt und entging zumindest dem weit verbreiteten Letzte-auf-Bank-Trauma.

 

Alljährlicher Höhepunkt schulischer Grausamkeit gegen Menschen mit sportlichen Defiziten waren eindeutig die Bundesjugendspiele.

Vorgeführter wurden nur früher nur Frauen mit Bärten auf Jahrmärkten.

 

Laufen, Springen, Werfen.

 

Der furchtbare Dreiklang organisierter Brutalität im Namen der körperlichen Ertüchtigung.

 

Nicht nur, dass alle zusahen, wie ich nach Herzenskräften bemüht den Gummiball von mir weg schleuderte.

Als Krönung wurde das Ergebnis auch noch lautstark nach jedem der drei Versuche verkündet.

 

Hundertmark, 20cm! Korrigiere, -20cm. Der Ball landete hinter Teilnehmerin.“

 

Beim Springen ins Sandbecken wunderte sich niemand mehr über die drei ungültigen Versuche hinter meinem Namen, nach dem Anlauf war ich längst viel zu sehr aus der Puste, als noch irgendein Körperteil vom Boden zu heben.

 

Der 50m-Lauf machte meinen Untergang perfekt, als der Lehrer schon die nächste Gruppe starten ließ, während ich mich noch in der Mitte der Bahn befand. Es würde ihm sonst zu lange dauern und ja auch irgendwann dunkel werden.

Natürlich überschritt ich die Ziellinie trotzdem als Letzte.

 

Und dann Siegerehrung.

Alle liefen ihren Eltern fröhlich mit Ehrenurkunden und Auszeichnungen entgegen,nur aus meiner linken Faust tropfte Blut.

Fast so tief wie der Vormittag voller Niederlagen in mein Herz, hatte sich der Pin für einfach nur Teilnahme in meine Handinnenfläche gebohrt.

 

Einmal hab ich diesen Wahnsinn über mich ergehen lassen.

Und mich dann konsequent zehn aufeinander folgende Jahre entzogen, in dem ich nach und nach alle Familienmitglieder sterben oder zumindest schwer erkranken ließ.

 

Danke an dieser Stelle an meine Oma, die im Dorf immer überzeugend von ihrem nie stattgefunden Herzinfarkt berichtete.

 

Vielleicht waren es Schuldgefühle.

Das Dicke-Kind-Sein hab ich sicher von ihr geerbt.

 

 

 

 

 

 

 

12 Gedanken zu „Turnhallentrauma.

  1. Auf der anderen Seite: wo der durchschnittliche Mann bei den Worten „Schatzi, nur die drei eben noch“ ins Wachkoma sinkt und innerlich darauf gefasst ist, dass man ihn gleich hier vor der Umkleidekabine zur allerletzten Ruhe betten wird, ist eine im Stoffwechsel geübte Frau innerhalb von Sekunden fertig. Dafür pfeift doch jeder Kerl auf Erotikgedöns.

  2. da kommt mir so vieles so bekannt vor. auch das mit „letzte auf der bank“.

    immerhin hatte ich aber in einem jahr das erfolgserlebnis, das beste mädchen der klasse bei den bundesjugendspielen zu sein (sogar mit urkunde). das hatte allerdings den grund, dass nur zwei mädchen überhaupt erschienen waren, und die andere war noch schlechter in sport als ich. 😉

  3. Sportunterricht ist teilweise echt nervig. Das Einzige was ich wirklich hinbekommen habe war Schwimmen und das hatte ich nur ein Halbjahr.

    Schön geschrieben, schade das hier so selten neue Einträge zu lesen sind.

  4. vielen lieben Dank für die Herzerfrischende Erzählung, in der ich mich 1:1 wiedererkannte, und die ich endlich einmal über mein Schicksal -ja, nicht nur Schmunzeln sondern sogar Lachen ließ…

  5. Das war herzzerreißend schön, lustig, traurig…! Alles miteinander!
    Und es kommen so viele Erinnerungen hoch! Vielleicht hilft es dir: Mir ging es genauso… Ballsportarten… Und das, obwohl ich mein ganzes Leben lang leptosom war.

    Herzliche Grüße, Eva

  6. Mein schönster Sporterlebnis: Ich hab dem Lehrer die Reck-Stange auf den Kopf fallen lassen. Leider hat es all die Jahre des oben analog Beschriebenen kaum wieder gut machen können. Umkleidekabinen meide ich zeitlebens.

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