Rache macht blau.

Ich hab dich so lieb gehabt.

Du bist der schönste Mann den ich je gesehen habe und mit dir zusammen war alles gut.

Wie auf Wolken bin ich geschwebt und selbst wenn es mal Regen gab, ist er abgeperlt an meinem Glanz aus Glück.

Wir beide gegen den Rest der Welt.Da haben wir zwar immer verloren, aber wir habens gemeinsam getan.

Ich hab dich so lieb gehabt.

Und jetzt hast du mich verlassen.

Für Jenny, 21, 34/36, 85 D, Fußpflegerin. Ausm Osten.

Und ich kann es verstehen.

Ich hätte es an deiner Stelle ja nicht anders gemacht.

Sie ist Filet Mignon und ich eher so Bockwurst.Geplatzte.Vielleicht mit Senf.Allerdings ohne Brötchen.

Aber ich bin trotzdem traurig.

Ich bin so traurig.

Und sauer.

Ich bin total sauer!

Und ich will Rache.

Die Augen werde ich ihr auskratzen, das Gesicht unter dem blondierten Pony zerschneiden und überhaupt kein gutes Haar werde ich an der Schlampe lassen und dir zersteche ich die Reifen und werfe dir faule Eier in die Wohnung und deinem Chef erzähl ich, dass du Büroklammern klaust und auf dem Schwarzmarkt ein Vermögen machst.

Das Küchenmesser und die Türklinke in der Hand werfe ich noch einen letzten Blick in den Spiegel.Vielleicht ist das Schweißband keine so gute Idee.Bei Rocky sahs cool aus,aber seines war auch nicht rosa und mit dem Werbeaufdruck der benachbarten Videothek versehen.

Außerdem bin ich Pazifistin.

Ich mein, ich schlag ja nicht mal meine Sahne.

Also bin ich wieder traurig.

So traurig.

Dann sitzt du jetzt also mit Jenny an der Bar. Jenny mit ihren perfekt lackierten Fußnägeln in kleinen Schleifenballerinas.

Ihr Hintern wird besser auf den Barhocker passen als meiner und ihr werdet lachen und du wirst Geld in die Jukebox schmeißen und unser Lied an Jenny verschenken und sagen, es sei jetzt euers.

Und ihr werdet Wodka trinken, so wie wir es immer getan haben.

Du trinkst immer nur Wodka.

Weil es cool aussieht und schön macht.

Das ist die Idee.

Der Geistesblitz trifft mich an der linken Schläfe.

Ich werde meine Rache bekommen.

Subtil wird sie sein,aber grausam.

Ein Schlag von dem du dich nicht so schnell wieder erholen wirst.

Ich geh jetzt raus und trinke den ganzen Wodka Hamburgs leer.

Es wird keinen mehr geben,weder für dich noch für Hornhautraspel-Jenny und dann mußt du Bier trinken und wirst uncool aussehen und Jenny wird dich verlassen und dann bist du so traurig wie ich jetzt.

Der Plan ist perfekt.

Außerdem kann ich in diesem Fall das Stirnband auf behalten.

Könnte noch nützlich sein.

Also trage ich jetzt meine Haare offen und meinen Kopf oben und beginne mein teuflisches Werk bei Ali am Kiosk.

Gib mir allen Wodka, den du hast, jedes noch so kleine Schlückchen, hörst du? Es geht um Leben und Tod und Blutrache!“

Ali guckt.

Hä? Kaufst du immer Astra, hab isch immer Astra.“

Defizil lege ich Ali meinen Racheplan da und weihe ihn in die Genialität der unterschwelligen Brutalität ein. Wärenddessen trinke ich halt Astra,weil Ali keinen Wodka hat und der Mensch ja trotzdem Flüssigkeit braucht.

Ali sagt:

Hör doch auf mit Sauferei. Wirst du betrunken nur gevögelt, nicht geheiratet.“

Ich sage ihm, dass es darum jetzt aber nicht geht und ich weiter muss,wenn ich bis Sonnenaufgang fertig sein will.

Zwei Häuser weiter die erste Kneipe.

Ich kenne sie nicht, beschließe aber, hier anzufangen, weil eine so gut wie die andere ist und ich ja irgendwo anfangen muss.

Drinnen ist es sehr dunkel.

Die Luft ist verraucht,die Musik laut an den Wänden hängen Ketten und Käfige, die Männer tragen lange Haare und die Frauen Leder.Ich habe keine Ahnung,wo ich hier rein geraten bin und ob ich lebend wieder raus komme.

Als ich das Schild über dem Tresen sehe, bin ich erleichtert:

Hoheitsgebiet der Hells Angels.“

Hier gibt es auf jeden Fall Wodka.

Den bestelle ich auch.

Wodka bitte!“

Einen?“

Allen.“

Die Musik verstummt.

Plötzlich ist es totenstill.

Die Männer in den Jeanswesten drehen sich langsam zu mir um, die Frauen ziehen erwartungsvoll die Augenbrauen nach oben, die Blicke des ganzen Ladens ruhen auf mir.

Die Luft ist zum zerreißen gespannt.

Warum hat man eigentlich nie eine Stecknadel, wenn es einen Moment gibt, an dem man sie fallen hören könnte?

Obwohl, vielleicht auch nicht.

Der Laden wirkt nicht, als würde er regelmäßig gewischt.

Ich denke noch darüber nach, warum ich gerade jetzt darüber nachdenke, da stellt der Barmann eine Literflasche Smirnoff auf den Tresen.

Dann trink Mädchen.“

Kann ich einen Strohhalm haben?“

Unter den aufmerksamen Augen von 25 Rockern mache ich mich frisch ans Werk.

Ein bißchen tun sie mir leid.

Sie können ja nicht ahnen, dass ich aus Westfalen komme und den Schnaps praktisch mit der Muttermilch aufgesogen habe.

Frühschoppen war schon immer der einzige Sport, in dem ich gut war.

Die Flasche ist also in fünf Minuten erledigt und ich ein offizielles Mitglied der Tresenmannschaft im Steppenwolf.

Sie können meine Rachegelüste nach voll ziehen und bieten sich freundlicherweise an, Jenny oder dich mit dem Motorrad zu überfahren und in der Elbe zu versenken.

Ich glaube ihnen,dass sie das nicht zum ersten Mal machen und daher ihr Handwerk verstehen, erkläre aber, das ich diese Sache allein tun muss.

Das verstehen sie.

Der Barmann stellt mir die gesamten Wodkavorräte auf den Tresen und ich kann ne Viertelstunde später theoretisch einen Harleyreifen wechseln.

Als ich ausgetrunken hab stehe ich auf und zum ersten Mal kommt mir die Idee,dass mein Plan scheitern könnte.

Ich bin voll wie zwanzig Russen.

Freunde, ich muss weiter!“ lalle ich gegen die Musik an und falle wie zur Bestätigung erstmal der Länge nach hin.

Mein neuer Freund Hartmut nutzt die Gelegenheit und tatoowiert mir einen Anker auf den Oberarm.

Ich beschließe mich morgen darum zu kümmern, denn die Sache muss weiter gehen.

Aufgerappelt und in die Kneipe gegenüber.

Nur Männer in hellblau-weiß-gestreiften Hemden.

Entweder ist das hier ein Treffen der Metzgerinnung oder der totale Yuppischuppen.

Ist aber egal, ich kriege meine zwei Flaschen Wodka und die volle Unterstützung der Barfrau.

So kämpfe ich mich durch die Nacht, von Tresen zu Tresen, mit meinen traurigen Augen und einer Mission.

Manche weinen mit mir, andere haben aufmunternde Worte, wenige stecken mir Geld zu.

Alles was ich tue, ist anstoßen und trinken und dich hassen.

Dich und Jenny und das ihr mich dazu gebracht habt, meinen Monatslohn zu versaufen.

Als es schließlich dämmert, ist es vollbracht.

Der Portier vom Atlantic versichert mir glaubwürdig,das er die Minibars dreimal kontrolliert habe und ich gerade die letzte noch übrige Flasche ansetze.

Ich trinke auf sein Wohl und lehne das Taxi dankend ab.

Ich will nochmal über den Kiez gehen, nochmal die Stationen meines Triumphes an mir vorüber ziehen sehen und mir dein Gesicht vorstellen, wenn du Wodka bestellst und keinen bekommst und dich dann an deiner Altbierbowle festhältst und Jenny dich sieht und auf der Stelle sitzen läßt.

Das hab ich alles ganz allein geschafft.Ich bin nämlich die Größte.Die Allerallergrößte!“

schreie ich in die Nacht hinein und hangel mich vom Laterne zu Laterne.

Zwischendurch krieche ich ein Stück,da meine Beine den Dienst komplett versagen.

Rache ist süss. Und diese Nacht war wie Zuckerwatte mit Guss.

Du bist sowas von erledigt.

Kurz vor meiner Haustür kommst du mir entgegen.

Hand in Hand mit Jenny.

Hey! Wir waren auf dem Markt und haben Apfelsinen gekauft. Wir machen jetzt Saft selber.Wir sind nämlich jetzt straight edge.“

Ich starre.

Durch euch beiden, durch die Hauswand und über den Horizont hinaus.

Zu mehr bin ich weder in der Lage noch motiviert.

Solltest du vielleicht auch mal überlegen, würde dir sicher gut tun!Siehst bißchen fertig aus.“

Ich nicke und winke zum Abschied.

Und dann dreh ich mich um und geh zu Ali.

Astra kaufen.

9 Gedanken zu „Rache macht blau.

  1. Pöhö!

    Wie überaus unterhaltsam. Bildhaft. Lebhaft. Zauberhaft.

    Und lehrreich. Wodka macht schön? Wenn das stimmt, dann ist Dein Schreibstil wohl als Kind in einen Kessel voller Wodka gefallen. Bin verliebt.

  2. du bist echt ne nummer, ich könnt mich kringeln. deine beschreibung der hells angels episode ist unschlagbar *grins*.

    sehr schön, unterhalt uns bloß weiter mit deinen geschichten, ich gebe auch gerne ne flasche wodka aus 😉

    alles liebe, katerwolf

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