Großwerden aufm Land – ein Tatsachenbericht

Ich hatte ja ein sehr schwere Kindheit.

Denn ich bin Westfalen geboren.

Genauer gesagt in Ostwestfalen.

Noch genauer auf einem Bauernhof.

Wenn die im Osten also dauernd behaupten, sie hätten ja nichts gehabt, kann ich behaupten, irgendwie auch dabei gewesen zu sein.

Während andere Kinder die Welt vom Li-La-Launebär und aus Pixiebüchern lernten, sah ich zu, wie Schweine Ferkel kriegen.

Wie im Kreißsaal, nur auf Stroh.

Wie von Götterspeise umhüllt flutschten die kleinen rosa Dinger nur so aus Sau heraus, die scheinbar intuitiv wusste, was sie da tat.

Auch ohne PDA.

Mit ganz verklebten Augen wuselten sie um die Mutter herum und versonnen betrachteten wir Kinder das Wunder der natürlichen Geburt.

Die Freude fand allerdings ein jähes Ende als Bauer Rainer alle Ferkelchen ertränkte, die beim dritten Mal nicht die mütterliche Zitze fanden.

Zu schwach zum Leben.

So lernte ich schnell:

Iß, oder die rauhe Hand des Lebens hängt dich kopfüber in einen Wassereimer.

Jetzt war ich also ein dickes Kind auf einem Bauernhof.

In der ostwestfälischen Provinz.

Trecker fahren wird ja allgemein als sehr romantisch betrachtet.

Und das mag es auch sein.

Wenn sie dich nicht zum Fahrrad fahren lernen an die Anhängerkupplung hängen.

Im Maisfeld.

Der größte Spaß der Nachbarsjungs bestand genau darin, mich mitten in so ein Nutztierfutterlabyrinth zu ziehen, die Leine zu kappen und abzuhauen.

Mit der hämischen Bemerkung, verhungern würde ich ja nicht.

Und wenn ich dann nach Hause kam, Stunden später, durch gefroren, verängstigt und vom Leben gezeichnet, wurde mir eröffnet, dass ich jetzt leider nach Opa baden müsse.

Schließlich sei ich nicht da gewesen.

Opa hatte schlimme Schuppen und offene Beine.

Aber, Tradition ist Tradition und auf dem Land wird die Wanne nur einmal aufgefüllt.

Wer nach Opa dran war, war wirklich ganz am Ende.

Kälbchen füttern.

Auch so eine Erfindung der Städter um sich den Kuhstallgestank schön zu reden.

Eines schönen Morgens stand ich also da, mit meinen Flaschen voller Milch und meinem von blonden Locken umrahmten Pfannkuchengesicht, bereit in einem roten Sommerkleid alle hungrigen Kuhkinder glücklich zu machen.

Rot ist eine hervorragende Signalfarbe.

Glaubt ihr nicht?

Fragt sie mal den Puter.

Er muss mich minutenlang hypnotisch angestarrt haben, um dann mit lautem Gegacker, geschwollenem Kamm und wildem Flügelschlagen auf mich zugerannt zu kommen.

Hilflos ließ ich die Milchflaschen fallen und rettete mich in den Pferdestall.

Leider in den Falschen.

Das Pony hieß Prinz und war zumindest seiner Meinung nach im Pferdestall der König.Um mich das unmißverständlich wissen zu lassen,trat er mir erst vors Knie und biß mich dann in die Schulter.

Danach heulte ich so, dass der Puter vor Schreck Platz machte und ich mich ins Wohnhaus flüchtete.

Bei der anschließenden Säuberung der Wunde bekam ich keine aufmunternden Worte oder tröstende Streicheleinheiten, sondern eine rohe Kartoffel zwischen die Zähne.

Was sollten denn die Nachbarn beim nächsten Kirchgang sagen, wenn das Blag wieder das ganze Haus zusammen brüllt?

Diese Narben trage ich seit heute.

Die vom Biss und die von der Kartoffel.

Trauriger war nur der Tag, an dem meine Schildkröte wegrannte.

Sie war das einzige Tier,was ich jemals gemocht hatte.

Weil sie war,wie ich.

Langsam,behäbig und erst unterm Panzer richtig gut.

Gerade deshalb nahm ich sie gern mit ins Planschbecken.

An einem schönen Sonnentag im August muss ich nicht richtig aufgepasst haben und Fischbrötchen floh in die Freiheit.

Bis heute vermute ich sie im Pool der neureichen Nachbarn.

Leider bin ich damals wie heute nicht in der Laune, über den Zaun zu klettern und nach zu schauen.

Sicher hat groß werden auf dem Land auch was Gutes.

Wo andere versuchten, sich Knutschflecke mit Hilfe von Staubsaugern zu zu fügen, um interessanter zu wirken, hatte ich eine Melkmaschine.

Mehr Power!

Allerdings sollte man keinen Finger rein stecken. Auch keine zwei.

Der Bauer versteht da wenig Spaß und ist generell der Pubertät gegenüber eher skeptisch eingestellt.

Als meine Hormone mein Brustwachstum unweigerlich voran trieben und die Frage nach dem ersten BH sozusagen offensichtlich im Raum stand, hieß es:

Wozu dem Mädchen neue Unterwäsche kaufen? Geh nach oben an die Aussteuertruhe, Oma hat dir da ein Mieder rein gepackt.“

So sass ich also auf meiner ersten Engtanzparty.

Mit blauen Knien,nach Kuhstall stinkend und in der hintersten Ecke.

Es hatte sich nämlich heraus gestellt, dass Oma befürchtete, meine nach der Ferkelgeschichte immer voluminöser werdenden Körpermaße würden sich nach der Heirat noch um ein Vielfaches ausdehnen.

Dieses fleischfarbene Mieder war wie ein Schlafsack aus Haut.

Aber meine Mutter hatte mal wieder bewiesen, was Bauernschläue bedeutet und dem ganzen mit Nähnadel und Garn eine Form gegeben, die unter der neuen Bluse die Brüste hochhalten sollte.

Leider die Form einer Stopfgans.

Das,was sie sonst mit Nadel und Faden vernähte.

Im schummrigen Schein der Teelichter hoffte ich einfach, von niemandem bemerkt zu werden.

Der Plan scheiterte natürlich als es zum Flaschendrehen kam und Mädchen und Jungs in westfälischer Reihe abwechselnd im Kreis sitzen mußten.

Mir schwante langsam, nur aus diesem Grund eingeladen worden zu sein.

Und wirklich traf die Flasche mich und Guido Geppke. Und bescherte mir den ersten Engtanz meines Lebens.

Zu Runaway train. Von Soul Asylum.

In der langen Version.

Bewegten wir uns zu Anfang noch etwas linkisch, so fanden Guido und ich immer mehr einen Rhythmus und er unfassbarer Weise einen Weg, mich mit seinen kleinen Armen vollständig zu umfassen.

Zum Schluss legte ich sogar,etwas verschüchtert zwar aber merkbar meinen Kopf auf seine Schulter.

Beseelt ging ich heim und schlief in meinem Miederstopfganskostüm, weil niemand mehr wach war, um mir die Nähte aufzutrennen.

Als am nächsten Morgen ein Polaroidbild von mir und Guido am schwarzen Brett der Dorfkirche hing, bei dem er hinter meinem Rücken nicht nur eine versaute Geste machte, sondern der zu weit gewählte Ausschnitt meiner Tanzbluse auch noch vollen Einblick auf mein fleischfarbenes Gerüst der Brusthaltung gab, schwor ich mir, in die Stadt zu ziehen.

Und nie wieder zurück zu kommen.

Und das hab ich ja dann auch gemacht.

21 Gedanken zu „Großwerden aufm Land – ein Tatsachenbericht

  1. Wunderschön. Poetisch. Ostwestfalen ist mindestens genauso schlimm wie Nordhessen. Bei Besuchen in der Heimat höre ich die Nachbarn murmeln: Des Brauns Alex is´ jetzt in Hamburch und macht das was mit Drogen.“
    Naja, fast.

  2. Jo schließe mich an – netter Text.
    Ob nun ostwestfälische Provinz oder etwas weiter im Westen (irgendwo zwischen den Niederlanden, Ruhrpott und den Niedersachen – da wo ich her komme)- Provinz ist Provinz….

  3. Fantastischer Text.
    Ich will mehr …
    In der Großstadt kann doch nicht nur Fortuna das Füllhorn ausgeleert haben; zumindest die Aklimatisierungsphase muss noch einiges drauf haben.
    Mehr. Mehr. Mehr.

  4. Auch ich bin auf dem Land groß geworden – und demzufolge überzeugter Städter! Immer wenn ich mal in mein „Heimatdorf“ zurückkehre greift in meiner Seele eine eiskalte Hand nach meinem Herzen. Nein, schön wars wirklich nicht. Nicht für sensible Menschen die mit Freiwilliger Feuerwehr und Fußballvervein nichts anfangen konnten. Da war man dann der Sonderling.

  5. interessante schreib- und sichtweise.
    ich wünsche ihnen, das der guido heute 200kg wiegt und eine frau wie ein reibeisen hat und doch am besten zeugungsunfähig ist …

    alles liebe

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