Archiv für den Monat: Juni 2010

Liebeskummer lohnt sich wohl.

Ehrlich gesagt, hatte ich öfter als einmal Liebeskummer.

Noch ehrlicher gesagt, hatte ich öfter Liebeskummer als keinen Liebeskummer und das ist ganz ehrlich oft genug.

Manchmal habe ich gar keinen Grund Liebeskummer zu haben und dann denke ich mir einen aus.

Denn: Ich habe Liebeskummer gern.

Kein anderer Zustand erlaubt es dir den ganzen Tag zu heulen, ohne Unterbrechung.

Noch bevor du morgens aufstehst, drehst du nur deinen Kopf um träge aufs Handy zu schauen.

Nichts. Keine Nachricht. Kein Anruf.

Nichtmal der Akku beklagt sich, bald leer zu sein.

Auch er hat dich vergessen.

Du weinst.

Es ist noch ein leises, fast ersticktes Schluchzen, dass deiner Verlassenheit in dieser Welt Ausdruck verleiht.

Du stehst auf und schleppst dich in die Küche und da sitzt:

Niemand.

Dein Schluchzen steigert sich zu einem lauter werdenden Schniefen, unterbrochen von gelegentlich tiefem Ausatmen, Tränen kullern die Wangen entlang.

Erstmal Kaffee kochen. Aber schon der Griff zum Kaffeepadhalter für nur EINE Tasse erinnert dich schonungslos an die Einsamkeit und Leere in deinem Leben.

Das Aufheulen wird lauter,beim Abstützen am Küchentresen schaltest du aus Versehen das Radio an und während Sinnead „Nothing compares to you“ schmettert,kauerst du dich wimmernd vor der Spüle zusammen,hältst deine Knie und wiegst dich rhythmisch vor und zurück.

Schließlich hattest du diese SINGLE auch mal.

Der Weg zurück ins Bett scheint unvermeidbar.

Leidende gehören aus Tradition hierher und außerdem bist du realistisch genug um zu erkennen,dass du die Embryohaltung den Rest des Nachmittags bequemer auf der Matratze als dem harten Fliesenboden durchhalten wirst.

So sind die nächsten Stunden gerettet und der Klaviatur des Kummers sind keine Grenzen gesetzt.

Alles ist erlaubt.

Das lautlose Weinen,das monotone Wimmern mit Schnappatmung,das Kreischen und ins Kissen jammern,abgehackte Klagelaute oder krampfhaftes Heulen.

Profis können Tränen nur aus einem Auge rollen lassen und fragen sich,die Welt und die Nachbarn aufs Parkett trommelnd:

Warum? Warum?“

Nach all diesem Wälzen in eigener Rotze und Elend möchtest du der Gesellschaft nicht länger vorenthalten, was sie dir durch all ihre Ignoranz angetan hat.

Welthunger? Politischer Bestechungsskandal? Bürgerkrieg?

Wen interessiert das? Du leidest.

Und das wird nie wieder gut werden.Die Erde wird sich aufhören zu drehen,die Sonne nie wieder aufgehen,Lachen ist unmöglich,das Unheil auf deinen Schultern lässt dich nie mehr aufrecht gehen und alles Mitleid des Erdballs gebührt dir.

Natürlich gehen deine Freunde nicht ans Telefon, obwohl du zweimal klingeln lässt.

Auch der Pizzaservice zeigt sich wenig geduldig,neben deiner Bestellung noch die Tirade der Traurigkeit über sich ergehen zu lassen.

So bleibt dir nur die Dunkelheit und die Zeitansage.

Zu „Beim nächsten Ton ist es 18:43 Uhr“ sinkst du in Dämmerschlaf, gelähmt und erschöpft von den dramatischen Ereignissen.

Irgendwann klopft es leise an der Tür.

Hey?“ fragt dich dein Mitbewohner. „Hier, die drei Briefe waren in der Post,auf dem Anrufbeantworter ist deine Mutter und Nachrichten von zwei anderen Leuten,Kalle hat nach dir gefragt und ich wollte wissen, ob du mit zur Feier kommst?“

Lass mich!“ schreist du, wirfst ihm ein Kissen an den Kopf und drehst dich ruckartig auf die Seite.

Ich hab Liebeskummer!“

Während er leise die Tür schließt, lächelt ihr beide.