Mein erstes Mal Metal.

Alles beginnt mit einem Anruf, einer übrig gebliebenen Konzertkarte und einer Stunde Zeit bis zum Treffpunkt.

Es ist irgendwie Heavymetal, es ist nicht meine Musik, nicht mal meine Freunde, nur ein entfernter Bekannter und ein Montagabend, der nicht auf dem Sofa verbracht werden möchte.

Ich bin mir unsicher, was ich anziehen soll und ob ich Spaß haben werde, fürchte um mein Gehör und verdränge die Bilder der letzten Wackenreportage.

Also schwarze Strümpfe, schwarzer Rock, dunkel wird es sicher sein und wenn es hart auf hart kommt bin ich damit gut getarnt und fast unsichtbar.

Bahn fahren, verlaufen, in die falsche Veranstaltung nebenan platzen. Ankommen verläuft nach Standard.

Hände schütteln, Namen sagen, reingehen, Bier kaufen.

Bisher hat mir niemand was getan.

Wir machen den alten Jacke-in-Jacke-Trick, um einen Euro für die Garderobe zu sparen, in dem Wissen, dass er eh nicht funktioniert, der Türsteher stempelt mich mit „gesehen“ ab, ich smalltalke und schaue mich um.

Wie erhofft ausreichend Männer mit langen Haaren und blutverschmierten Monstern auf dem Shirt.

Aber auch eine Menge gepflegter Kurzhaarschnitte, hochgekrempelte Bürohemden mit durch blitzenden Tattoos, Jungs die meine kleinen Brüder und Frauen die meine Mütter sein könnten.

Es ist ein interessantes Publikum.

Und ein nettes.

Alle stellen sich brav in den Raucherbereich, an der Bar wird sich fürs Drängeln entschuldigt, Leute lachen und umarmen sich zur Begrüßung.

Die Vorband schreit schon, trotzdem sind alle entspannt, man kommt schnell ins Gespräch. Kinder, Beruf, Urlaub.

Nichts von Blut trinken, Axt schwingen und Teufel beschwören.

Hätte ich also eh die falschen Themen gegoogelt, wenn dafür noch genügend Zeit gewesen wäre.

Vorband vorbei, noch eine rauchen, noch ein Bier.

Reingehen?“

Klar, ich freu mich schon ein halbes Jahr drauf!“ erwidere ich grinsend und die Jungs grinsen zurück und wir stoßen an.

Auf dem Weg treffe ich meinen Anwalt, auch wir stoßen an, begrüßen den glücklichen Zufall und erreichen den Saal.

In der Mitte eine rechteckige Tanzfläche, drumherum viele Stufen, wie eine Arena mit Rängen.

Es ist gerade voll genug, laut genug, heiß genug.

Wir schieben uns bis in die Mitte des Vierecks, da, wo gleich geschubst wird.

Der Mann hinter mir ist mindestens zwei Meter groß und da mir was an körperlicher Unversehrtheit liegt, schaue ich ein wenig ängstlich.

Er fragt lächelnd, ob wir Plätze tauschen wollen, ich nehme lächelnd an, winke meinen eigentlich Begleitern zu und stelle mich neben meinen Anwalt ans hintere Ende der Tanzfläche.

Das Licht wird dunkler, um uns herum wird es enger, die Menge skandiert den Bandnamen.

Als die auf die Bühne kommt, recken sich alle Arme zum Metalgruss nach oben.

Jetzt hat es doch etwas sektenhaftes.

Für einen kurzen Moment bin ich sicher, hier rein gelockt worden zu sein und bereite mich darauf vor, mein Leben als Opfer auf einem Altar aus rotem Samt zu beenden.

Blick rüber zum Anwalt.

Der wiegt mit dem Kopf im Takt und klatscht dazu.

Also auch mal klatschen probieren.

Hallo Hamburg! Scream!“

Und Hamburg screamt. Und um mich herum springen alle und stoßen sich aneinander ab, auf einander zu, miteinander um.

Taumeln, drehen, Haare schmeißen.

Es ist eine riesengroße Schulhofkeilerei.

Als jemand etwas vom Boden aufhebt, stellt sich sein Kumpel schützend vor ihn, ein anderer streckt einen Schuh in die Luft, auf der Suche nach seinem Besitzer.

Sie heben sich gegenseitig hoch, nehmen Anlauf und rammen sich in die Masse, bilden Spaliere, um dann aufeinander zu prallen.

Selten hab ich glücklichere Menschen gesehen.

Es wirkt wie ein gepflegtes Ausrasten. So, als achteten alle in diesem Menschenbrei irgendwie aufeinander.

Ich signalisiere durch das Betreten der ersten Stufe oberhalb des Hexenkessels, dass ich lieber nicht geschubst würde und werde dies den ganzen Abend auch kein einziges Mal.

Wenn Leute an mir vorbei wollen,fassen sie mich sanft am Ellenbogen,lassen mir Platz um ihnen Platz zu machen, sagen Danke.

Beim letzten Konzert einer angesagten Indieband kam ich nicht aufs Klo, ohne mir drei Haarbüschel ausreißen zu lassen.

Ich entspanne mich, konzentriere mich auf die Musik.

Man spürt den Bass in den Füßen, im Bauch, meine Haarspitzen vibrieren.

Es ist laut, es ist schnell, es tut gut.

Ich verstehe kein Wort.

Wenn es nach mir ginge, spielt die Band ein anderthalb Stunden langes Lied und der Mann am Mikro hat unglaubliche Schmerzen.

Aber das ist gerade egal.

Ich fühle wie der Boden unter mir bebt und dann, wie ich mich selber bewege.

An einer Stelle schüttle auch ich kurz meine Haare und blicke danach beschämt nach links und rechts.

Scheinbar nichts falsch gemacht.

Der Anwalt und ich tanzen und klatschen, johlen, wenn der Bandleader es verlangt, es wird heißer, lauter, besser.

Die ersten ziehen ihre Shirts aus, alle schwitzen, keiner kümmert sich darum, sie springen noch immer, recken die Arme nach oben und sind glücklich.

Und ich bin es irgendwie auch, in meinem Kopf ist endlich nichts mehr außer Bass, Gitarre und Schlagzeug, einmal ganz gedankenlos.

Neben mir tanzt ein Mädchen, ihr Freund kommt aus der Masse auf sie zu gerannt, schweißnass schüttelt er sich vor uns wie ein Hund nach dem Regenspaziergang.

Wir lachen beide und er lacht mit, ich kann den Schweiß fremder Leute nicht ekelig finden, nicht heute.

Zwischen zwei Liedern sehe ich meine nach oben gestreckten Hände.

Sie machen den Metalgruss.

Dann ist es vorbei, die Band lässt sich noch zweimal auf die Bühne brüllen, das Licht geht an, wir holen die Jacken.

Ich betrachte die vielen klatschverschwitzten Männer, die beseelt versuchen, ihre Kleidung aus zu wringen oder sich gleich neue am Merchandisingstand kaufen.

Morgen müssen alle arbeiten, nochmal Hände schütteln, bedanken, durch atmen, rauchen, verabschieden.

Der Anwalt und ich nehmen die Bahn zum Kiez, werten den Abend in Einzelheiten aus, schätzen die Abmischung gleich ein, rätseln, wer denn nun der Gitarrist war, reden und reden und wollen eigentlich gar nichts sagen.

Nur nachspüren.

Am Tresen stoßen wir mit Sekt an, wir haben uns zu feiern.

Die Barfrau schenkt uns Schnaps, lässt sich vom Abend erzählen, die Kneipe füllt sich mit anderen Konzertbesuchern, alle grinsen und trinken und sind immer noch glücklich.

Metal wird sicher nie meine Musik, aber die Menschen waren gestern abend meine.

Und falls mir jemand einen Platz im Zelt aufm Wacken anbietet, ich bin dabei.

Turnhallentrauma.

Wie bereits mehrfach erwähnt, war ich ein dickes Kind.

 

Mit Puddingärmchen und Puddingbeinchen, die bei einem Säugling Passanten noch nach Kindchenschema zum Verzücken bringen, bei einer Achtjährigen aber eher die Frage der Verwahrlosung in den Raum stellen.

 

Ein einziges Mal spielte ich in meiner Schulzeit die Hauptrolle in einem Theaterstück.

Dem Märchen vom dicken, fetten Pfannekuchen.

 

Gleichzeitig besaßen wir wenig Geld und meine Mutter schnitt uns aus Sparmaßnahmen den Pony selbst. Grade und kurz über den Augenbrauen endend.

 

Dieser Frisurenwahnsinn, der uns Kinder der frühen 80er gepaart mit Radlerhosen und einem furchtbaren Musikgeschmack das Leben sowieso schon schwer machte, war aber nicht mein größtes Problem.

 

Sondern das, was alle dicken Kinder zutiefst traumatisiert und Scharen von Therapeuten Jahre später Brot und Miete sichert:

 

Der Sportunterricht.

 

Es fing schon beim Umziehen an.

Das Problem daran war, kurzzeitig nackt zu sein.

 

Pubertierende Mädchen sind nicht gerade Verfechter von Solidarität, Anstand und Moral.

Es sind wilde Raubtiere,jederzeit bereit durch einen abschätzigen Kommentar eindeutig klar zu machen, wer an der Spitze der Hackordnung steht.

 

Es ist subtiler als unter Jungen.

Es sind keine Schläge, es sind Emotionen.

 

Ein Blick der Klassenschönheit auf dein gräulich ausgeleiertes Sportbustier und für die nächsten Wochen stehst du als Spottobjekt der 7d unumstößlich fest.

 

Mit der Zeit kannte ich alle Tricks.

 

Das Sportshirt schon in der großen Pause auf dem Schulklo drunter ziehen.

Entweder sehr schnell oder sehr langsam sein, um die Umkleide für sich allein zu haben.

Den schwer einsehbaren und strategisch gut gewählten Platz direkt hinter Tür.

 

Zusätzlich zog ich stets zwei Unterhosen übereinander, um den straffenden Effekt eines Stützstrumpfes zu imitieren.

 

Hätte ich soviel Ehrgeiz in meine gesamte Schulkarriere investiert, wie in die Planung mich meinen Mitschülerinnen auf keinen Fall nackt zu präsentieren, wer weiß, was aus mir hätte werden können.

Ärztin, Astronautin, Professorin.

 

So hingegen kann ich mich einfach wahnsinnig schnell an- und wieder ausziehen.

 

Jeder Versuch meinen Lebenspartner durch langsames Abstreifen meiner Kleidung zu körperlichen Höchstgelüsten anzustacheln, scheitert.

Wobei nicht das größte Problem ist, dass ich in fünf Sekunden nackt bin, sondern eher, das ich sofort nach Entledigen meiner Sachen in der Hälfte der Zeit die Hosen wieder an hab.

Er muss also den Raum verlassen, wenn ich die Kleidung ablege und den richtigen Moment abpassen, in dem ich gerade unter die Decke geschlüpft bin, um meine Klamotten dann so zu positionieren, dass ich sie auf keinen Fall erreiche, bis er mich auf andere Gedanken als Wiederbekleidung gebracht hat.

 

Erotik geht anders.

 

Aber die Umkleide war nur der Auftakt.

Das wirkliche Drama spielt sich in der Turnhalle ab.

 

Warmlaufen.

 

Ein so nettes Wort für eine so hässliche Sache.

Ich musste sicher zwanzig Kilo zu viel mit mir herumschleppen, nach drei Runden im Kreis war mir nicht warm, sondern ich war beatmungspflichtig.

 

Alles, was ich wollte war, dass es aufhört.

Das ich mich hinlegen und sterben kann.

 

Alles, was mein Sportlehrer wollte war, dass ich Liegestützen machte.

 

Diese Forderung unterstrich er mit einer Trillerpfeife und meinem mehrfach laut gebrüllten Namen.

Bis auch jeder Depp in der Mehrzweckhalle verstand, dass die Dicke es nicht kann.

 

Mit Tränen in den kleinen Rosinenaugen rückte die nächste Stufe der Demütigung unaufhörlich näher.

 

Zirkeltraining.

 

Sprossenwand, Hängeseil, Medizinbälle.

Nie hab ich diesen Namen verstanden, denn Medizin sollte gut für Menschen sein, sollte sie heilen und ihnen Schmerzen nehmen, keine zufügen.

 

Ich konnte weder klettern, noch laufen, noch werfen.

Seit der fünften Klasse hatten meine Sportnoten mir das bestätigt, meine Lehrer mir das eingetrichtert, das spöttische Lachen meiner Mitschüler das deutlich gemacht.

 

Geräteturnen.

 

Keine Ahnung, wer sich mehr quälte. Ich, bis ich meine dicken Ärmchen endlich das Reck hoch gestemmt hatte, oder mein Lehrer bei der Hilfestellung zum Feldaufschwung.

Wir stöhnten beide und gaben uns die nächsten Jahre im stillen Einverständnis damit zufrieden, dass ich diese Übungen verweigerte und eine Sechs kassierte.

 

Durch meine Noten in allen Fächern ohne Bewegung konnte mir das egal sein.

 

Und da ich immer meine Hausaufgaben teilte, wurde ich als Gegenzug als höchstens Vor-vorletzte in die Brennballmannschaft gewählt und entging zumindest dem weit verbreiteten Letzte-auf-Bank-Trauma.

 

Alljährlicher Höhepunkt schulischer Grausamkeit gegen Menschen mit sportlichen Defiziten waren eindeutig die Bundesjugendspiele.

Vorgeführter wurden nur früher nur Frauen mit Bärten auf Jahrmärkten.

 

Laufen, Springen, Werfen.

 

Der furchtbare Dreiklang organisierter Brutalität im Namen der körperlichen Ertüchtigung.

 

Nicht nur, dass alle zusahen, wie ich nach Herzenskräften bemüht den Gummiball von mir weg schleuderte.

Als Krönung wurde das Ergebnis auch noch lautstark nach jedem der drei Versuche verkündet.

 

Hundertmark, 20cm! Korrigiere, -20cm. Der Ball landete hinter Teilnehmerin.“

 

Beim Springen ins Sandbecken wunderte sich niemand mehr über die drei ungültigen Versuche hinter meinem Namen, nach dem Anlauf war ich längst viel zu sehr aus der Puste, als noch irgendein Körperteil vom Boden zu heben.

 

Der 50m-Lauf machte meinen Untergang perfekt, als der Lehrer schon die nächste Gruppe starten ließ, während ich mich noch in der Mitte der Bahn befand. Es würde ihm sonst zu lange dauern und ja auch irgendwann dunkel werden.

Natürlich überschritt ich die Ziellinie trotzdem als Letzte.

 

Und dann Siegerehrung.

Alle liefen ihren Eltern fröhlich mit Ehrenurkunden und Auszeichnungen entgegen,nur aus meiner linken Faust tropfte Blut.

Fast so tief wie der Vormittag voller Niederlagen in mein Herz, hatte sich der Pin für einfach nur Teilnahme in meine Handinnenfläche gebohrt.

 

Einmal hab ich diesen Wahnsinn über mich ergehen lassen.

Und mich dann konsequent zehn aufeinander folgende Jahre entzogen, in dem ich nach und nach alle Familienmitglieder sterben oder zumindest schwer erkranken ließ.

 

Danke an dieser Stelle an meine Oma, die im Dorf immer überzeugend von ihrem nie stattgefunden Herzinfarkt berichtete.

 

Vielleicht waren es Schuldgefühle.

Das Dicke-Kind-Sein hab ich sicher von ihr geerbt.

 

 

 

 

 

 

 

Wie es wirklich ist.Ein ganzer Tag mit PMS.

6:00 Uhr

Wecker klingelt.Verfluche das Leben,meinen Job und das Morgengrauen. Will Kaffee.

6:15 Uhr

Tagestiefpunkt erreicht. Blick in den Spiegel. Bei einem könnte man vielleicht noch von Pickeln reden. Aber das hier ist eine Katastrophe.

6:30 Uhr

Probiere, mich anzuziehen. Alles, was ich hab, ist über Nacht hässlich geworden und über den Brüsten zu klein. Schaffe es nur mit Beherrschung, nicht zu weinen.

07:15 Uhr

Verlasse das Haus.

07:18 Uhr

Kehre zurück um meine Tasche zu holen.

07:23 Uhr

Verpasse meine Bahn. Weine jetzt bitterlich. Mann am Kiosk versucht mich durch freie Auswahl aus dem Sortiment zu beruhigen.

08:00 Uhr

Ankunft im Büro. Stinke nach Fernet Branca und Lakritze. Also, alles wie immer, niemand schöpft Verdacht.

10:28 Uhr

Ausgeglichene Stimmung nun schon zweieinhalb Stunden gehalten. Belohne mich mit Familientafel Milka.

10:29 Uhr

Erinnere mich, dass man von Schokolade fett wird und keinen Freund findet. Bin sehr traurig. Esse nun Chips.

12:45 Uhr

Mittagspause. Schäle eine Mandarine. Überlege, dass ihr nun sicher kalt sein wird. Weine erneut.

12:46 Uhr

Habe sie trotz Mitleid gegessen. Weine nun, weil ich so ein schlechter, hormongesteuerter Mensch bin. Erkläre dies Herrn Meyer aus der Buchhaltung. Weint jetzt aus den selben Gründen.

14:25 Uhr

Tagestiefpunkt erreicht. Kundengespräch.

16:17 Uhr

Kollegin im Mutterschutz bringt Baby zum Zeigen vorbei. Verfalle in Verzückungslaute. Welt ist rosarot und schmeckt nach Kirsche.

16:19 Uhr

Kind konnte auch nach mehrmaliger Aufforderung nicht beantworten: „Wer denn da ist?“ Schreibe Termin im Tierheim auf To-Do-Liste. Hunde sind eh hübscher.

17: 29 Uhr

Feierabend. Werfe jedem, der mir noch einen schönen Tag wünscht Todesblicke zu. Der letzte wirft den Tacker zurück. Kann nicht fangen. Au.

18:15 Uhr

Im Briefkasten nichts Neues. Also keine Rechnung. Also auch kein Liebesbrief. Bin zerrissen zwischen Emotionen. Hab aber noch Fernet.

19:00 Uhr

Esse Nudeln mit Käse.

19:01 Uhr

Erinnere mich,dass auch die fett machen und man dann keinen Freund findet. Macht mich auch nach der dritten Portion noch traurig.

19:46 Uhr

Entdeckt, dass staubsaugen noch einige Wochen länger verzögert werden kann, wenn Staub strategisch unter Schrank geföhnt wird. Wieder fröhlich.

20:30 Uhr

Tagestiefpunkt erreicht. Öffentlich-Rechtliches Fernsehen.

20:55 Uhr

Der heimische Rüsselkäfer stirbt aus. Kann mich von halb stündlichem Heulkrampf nur schwer erholen.

21:12 Uhr

Absoluter Tagestiefpunkt erreicht. Mutter ruft an. Beschimpfe sie und schreibe ihrer Eizelle alle Schuld für mein Geschlecht zu. Mutter versteht und seufzt. Sie hat soviel Kummer mit mir. Schluchze deswegen schuldbewusst. Mutter legt auf. Sie hat mich nie geliebt. Schlampe.

21:29 Uhr

Gehe zu Bett. Schaue in Kalender. Noch 13 Stunden, dann ist Menstruation. Gott sei Dank.

Rache macht blau.

Ich hab dich so lieb gehabt.

Du bist der schönste Mann den ich je gesehen habe und mit dir zusammen war alles gut.

Wie auf Wolken bin ich geschwebt und selbst wenn es mal Regen gab, ist er abgeperlt an meinem Glanz aus Glück.

Wir beide gegen den Rest der Welt.Da haben wir zwar immer verloren, aber wir habens gemeinsam getan.

Ich hab dich so lieb gehabt.

Und jetzt hast du mich verlassen.

Für Jenny, 21, 34/36, 85 D, Fußpflegerin. Ausm Osten.

Und ich kann es verstehen.

Ich hätte es an deiner Stelle ja nicht anders gemacht.

Sie ist Filet Mignon und ich eher so Bockwurst.Geplatzte.Vielleicht mit Senf.Allerdings ohne Brötchen.

Aber ich bin trotzdem traurig.

Ich bin so traurig.

Und sauer.

Ich bin total sauer!

Und ich will Rache.

Die Augen werde ich ihr auskratzen, das Gesicht unter dem blondierten Pony zerschneiden und überhaupt kein gutes Haar werde ich an der Schlampe lassen und dir zersteche ich die Reifen und werfe dir faule Eier in die Wohnung und deinem Chef erzähl ich, dass du Büroklammern klaust und auf dem Schwarzmarkt ein Vermögen machst.

Das Küchenmesser und die Türklinke in der Hand werfe ich noch einen letzten Blick in den Spiegel.Vielleicht ist das Schweißband keine so gute Idee.Bei Rocky sahs cool aus,aber seines war auch nicht rosa und mit dem Werbeaufdruck der benachbarten Videothek versehen.

Außerdem bin ich Pazifistin.

Ich mein, ich schlag ja nicht mal meine Sahne.

Also bin ich wieder traurig.

So traurig.

Dann sitzt du jetzt also mit Jenny an der Bar. Jenny mit ihren perfekt lackierten Fußnägeln in kleinen Schleifenballerinas.

Ihr Hintern wird besser auf den Barhocker passen als meiner und ihr werdet lachen und du wirst Geld in die Jukebox schmeißen und unser Lied an Jenny verschenken und sagen, es sei jetzt euers.

Und ihr werdet Wodka trinken, so wie wir es immer getan haben.

Du trinkst immer nur Wodka.

Weil es cool aussieht und schön macht.

Das ist die Idee.

Der Geistesblitz trifft mich an der linken Schläfe.

Ich werde meine Rache bekommen.

Subtil wird sie sein,aber grausam.

Ein Schlag von dem du dich nicht so schnell wieder erholen wirst.

Ich geh jetzt raus und trinke den ganzen Wodka Hamburgs leer.

Es wird keinen mehr geben,weder für dich noch für Hornhautraspel-Jenny und dann mußt du Bier trinken und wirst uncool aussehen und Jenny wird dich verlassen und dann bist du so traurig wie ich jetzt.

Der Plan ist perfekt.

Außerdem kann ich in diesem Fall das Stirnband auf behalten.

Könnte noch nützlich sein.

Also trage ich jetzt meine Haare offen und meinen Kopf oben und beginne mein teuflisches Werk bei Ali am Kiosk.

Gib mir allen Wodka, den du hast, jedes noch so kleine Schlückchen, hörst du? Es geht um Leben und Tod und Blutrache!“

Ali guckt.

Hä? Kaufst du immer Astra, hab isch immer Astra.“

Defizil lege ich Ali meinen Racheplan da und weihe ihn in die Genialität der unterschwelligen Brutalität ein. Wärenddessen trinke ich halt Astra,weil Ali keinen Wodka hat und der Mensch ja trotzdem Flüssigkeit braucht.

Ali sagt:

Hör doch auf mit Sauferei. Wirst du betrunken nur gevögelt, nicht geheiratet.“

Ich sage ihm, dass es darum jetzt aber nicht geht und ich weiter muss,wenn ich bis Sonnenaufgang fertig sein will.

Zwei Häuser weiter die erste Kneipe.

Ich kenne sie nicht, beschließe aber, hier anzufangen, weil eine so gut wie die andere ist und ich ja irgendwo anfangen muss.

Drinnen ist es sehr dunkel.

Die Luft ist verraucht,die Musik laut an den Wänden hängen Ketten und Käfige, die Männer tragen lange Haare und die Frauen Leder.Ich habe keine Ahnung,wo ich hier rein geraten bin und ob ich lebend wieder raus komme.

Als ich das Schild über dem Tresen sehe, bin ich erleichtert:

Hoheitsgebiet der Hells Angels.“

Hier gibt es auf jeden Fall Wodka.

Den bestelle ich auch.

Wodka bitte!“

Einen?“

Allen.“

Die Musik verstummt.

Plötzlich ist es totenstill.

Die Männer in den Jeanswesten drehen sich langsam zu mir um, die Frauen ziehen erwartungsvoll die Augenbrauen nach oben, die Blicke des ganzen Ladens ruhen auf mir.

Die Luft ist zum zerreißen gespannt.

Warum hat man eigentlich nie eine Stecknadel, wenn es einen Moment gibt, an dem man sie fallen hören könnte?

Obwohl, vielleicht auch nicht.

Der Laden wirkt nicht, als würde er regelmäßig gewischt.

Ich denke noch darüber nach, warum ich gerade jetzt darüber nachdenke, da stellt der Barmann eine Literflasche Smirnoff auf den Tresen.

Dann trink Mädchen.“

Kann ich einen Strohhalm haben?“

Unter den aufmerksamen Augen von 25 Rockern mache ich mich frisch ans Werk.

Ein bißchen tun sie mir leid.

Sie können ja nicht ahnen, dass ich aus Westfalen komme und den Schnaps praktisch mit der Muttermilch aufgesogen habe.

Frühschoppen war schon immer der einzige Sport, in dem ich gut war.

Die Flasche ist also in fünf Minuten erledigt und ich ein offizielles Mitglied der Tresenmannschaft im Steppenwolf.

Sie können meine Rachegelüste nach voll ziehen und bieten sich freundlicherweise an, Jenny oder dich mit dem Motorrad zu überfahren und in der Elbe zu versenken.

Ich glaube ihnen,dass sie das nicht zum ersten Mal machen und daher ihr Handwerk verstehen, erkläre aber, das ich diese Sache allein tun muss.

Das verstehen sie.

Der Barmann stellt mir die gesamten Wodkavorräte auf den Tresen und ich kann ne Viertelstunde später theoretisch einen Harleyreifen wechseln.

Als ich ausgetrunken hab stehe ich auf und zum ersten Mal kommt mir die Idee,dass mein Plan scheitern könnte.

Ich bin voll wie zwanzig Russen.

Freunde, ich muss weiter!“ lalle ich gegen die Musik an und falle wie zur Bestätigung erstmal der Länge nach hin.

Mein neuer Freund Hartmut nutzt die Gelegenheit und tatoowiert mir einen Anker auf den Oberarm.

Ich beschließe mich morgen darum zu kümmern, denn die Sache muss weiter gehen.

Aufgerappelt und in die Kneipe gegenüber.

Nur Männer in hellblau-weiß-gestreiften Hemden.

Entweder ist das hier ein Treffen der Metzgerinnung oder der totale Yuppischuppen.

Ist aber egal, ich kriege meine zwei Flaschen Wodka und die volle Unterstützung der Barfrau.

So kämpfe ich mich durch die Nacht, von Tresen zu Tresen, mit meinen traurigen Augen und einer Mission.

Manche weinen mit mir, andere haben aufmunternde Worte, wenige stecken mir Geld zu.

Alles was ich tue, ist anstoßen und trinken und dich hassen.

Dich und Jenny und das ihr mich dazu gebracht habt, meinen Monatslohn zu versaufen.

Als es schließlich dämmert, ist es vollbracht.

Der Portier vom Atlantic versichert mir glaubwürdig,das er die Minibars dreimal kontrolliert habe und ich gerade die letzte noch übrige Flasche ansetze.

Ich trinke auf sein Wohl und lehne das Taxi dankend ab.

Ich will nochmal über den Kiez gehen, nochmal die Stationen meines Triumphes an mir vorüber ziehen sehen und mir dein Gesicht vorstellen, wenn du Wodka bestellst und keinen bekommst und dich dann an deiner Altbierbowle festhältst und Jenny dich sieht und auf der Stelle sitzen läßt.

Das hab ich alles ganz allein geschafft.Ich bin nämlich die Größte.Die Allerallergrößte!“

schreie ich in die Nacht hinein und hangel mich vom Laterne zu Laterne.

Zwischendurch krieche ich ein Stück,da meine Beine den Dienst komplett versagen.

Rache ist süss. Und diese Nacht war wie Zuckerwatte mit Guss.

Du bist sowas von erledigt.

Kurz vor meiner Haustür kommst du mir entgegen.

Hand in Hand mit Jenny.

Hey! Wir waren auf dem Markt und haben Apfelsinen gekauft. Wir machen jetzt Saft selber.Wir sind nämlich jetzt straight edge.“

Ich starre.

Durch euch beiden, durch die Hauswand und über den Horizont hinaus.

Zu mehr bin ich weder in der Lage noch motiviert.

Solltest du vielleicht auch mal überlegen, würde dir sicher gut tun!Siehst bißchen fertig aus.“

Ich nicke und winke zum Abschied.

Und dann dreh ich mich um und geh zu Ali.

Astra kaufen.

Da muss man jetzt durch.

Er ist Mitte 80 und zum ersten Mal im Krankenhaus.

Es ist nichts Ernstes, nur eine Kleinigkeit, aber trotzdem müssen wir jetzt gut auf ihn aufpassen.

Das erkläre ich ihm während ich Elektroden auf seine Brust klebe und den Monitor anschalte. Ich schließe die Kabel an und zeige,welche Werte ich jetzt erkenne.

Alles in Ordnung.

Ob er allein zu hause lebe, oder ob jemand zum helfen vorbei komme, frage ich routinemäßig.

Er sei jetzt leider allein.

Seine Frau sei letztes Jahr gestorben, nach 56 Jahren Ehe und 2 Jahren schwerer Krankheit.

Da müsse er jetzt durch.

Ihr Foto steht in der Stube, daneben immer Blumen.

Gequält hat sie der Krebs im Bauch. Er war die ganze Zeit bei ihr, hat zum Schluss nur gedacht:

Mädchen, schlaf doch endlich ein!“

Das letzte was sie gesagt hat war:

Tut mir leid, dass ich dich jetzt alleine lasse.“

 

 

 

Sie kommt jeden Tag um neun ins Hospiz.

Der Weg mit dem Bus ist nicht weit, dauert aber trotzdem lange.

Sie muss zweimal umsteigen und der Rücken macht nicht mehr so mit.

Jeden Morgen ist sie da, weil sie weiß, dass er sich Sorgen macht, wenn sie sich auch nur zehn Minuten verspätet.

Jeden Morgen hab ich ihn um neun an den Tisch gesetzt und zwei Kaffeetassen hingestellt.

Den Honigtoast isst er vorher, mit dem Kaffee wartet er auf sie.

45 Jahre sind sie zusammen, haben zwei Kinder groß gezogen und ein Haus gebaut. Es war nicht immer einfach.

Jetzt ist das Haus abbezahlt, die Kinder groß, beide sind in Rente.

Und sie sitzt allein abends auf der Terrasse und weiß, dass er nicht mehr heim kommt. Das es ab jetzt nur noch schlechter werden wird. Noch kann er sprechen und essen, laufen klappt schon lange nicht mehr. Sie sagt ihm nicht, wie ernst seine Werte wirklich sind, sie kennt den Arzt und gemeinsam tauschen sie ein paar Zahlen.

Es war nicht immer einfach und hätte jetzt alles so schön sein können.

Ist es aber nicht.

Da muss sie jetzt durch.

 

 

 

Er weiß, dass sie ihn nicht mehr sehen kann.

Schon seit vier Jahren, nach dem Schlaganfall, ist sie blind.

An guten Tagen erkennt sie seine Stimme und nimmt seine Hand, an weniger guten denkt sie, dass sie in ihrem Elternhaus sei und fragt immer wieder nach seinem Namen.

Sie haben im Krieg geheiratet, da war kein Geld für eine kirchliche Trauung da.

Das haben sie nachgeholt, an ihrem 50. Hochzeitstag.

In einer großen Kirche, mit allen Freunden.

Danach haben sie Skiurlaub gemacht.

Jetzt liegt sie im Bett und öffnet kaum die Augen.

Warum er immer noch jeden Tag käme und bis zum Abend bliebe, fragen ihn Leute.

Im Krieg und in der Kirche, im Abstand von 50 Jahren haben sie gesagt: „Bis das der Tod uns scheidet.“

Da muss er jetzt durch.

 

 

 

Alle drei fragen mich, warum ich denn nicht verheiratet sei.

Weil ich warte, bis ich einen finde, mit dem ich 50 Jahre zusammen da durch will.“, sage ich und versuche zu lächeln.

Erleuchtet.

Lange war ich ein glücklicher Single.

Doch in letzter Zeit hätte ich immer öfter gern einen Ehemann.

Einfach weil ich glaube, dass ein Ehemann in vielen Situationen sehr nützlich sein könnte.

Zum Beispiel wenn ich gern etwas bewerfen würde.

Ich werfe nämlich sehr schlecht.

Genauer gesagt treffe ich bei acht von zehn Versuchen etwas weg zu schleudern mich selbst.

Das sieht blöd aus und tut weh.

Mein Ehemann könnte sicher viel besser und weiter werfen.

Außerdem würde mir eine Ehe ganz neue Einkaufserlebnisse bescheren. Es müßten nicht immer nur Taschen und Schuhe sein, sondern ich könnte ihm aus dem Baumarkt einfach so ein paar Schrauben mitbringen,damit er sich was Schönes spaxen kann.

Ich hätte jemanden, den ich nachts wecken und dann grundlos anbrüllen könnte, weil ich nicht mehr einschlafen kann.

Und niemand würde mehr versuchen,mir mein schlechte Laune auszureden. Schließlich ist die Ehe als Begründung für miese Stimmung vollständig gesellschaftlich akzeptiert.

Alles gute Gründe, sich einen zum heiraten zu suchen.

Alles gute Gründe.

Leider fiel mir keiner davon mehr ein, als ich mit schweißnassen Händen und astronomischen Blutdruck im Café saß und auf mein Blind-Date wartete.

Auf diese Idee war ich mit einer Freundin und zwei Flaschen Wein an einem Donnerstagabend gekommen.

Wein ist übrigens noch ein guter Grund für einen Ehemann.Ich könnte dann auch mal welchen trinken, der keinen Schraubverschluss hat.

Erik hieß der Unbekannte, der mich zum Kaffee einladen und dann ewig glücklich machen sollte.

Erik hatte sich wie ich in einer dieser Internetsinglebörsen angemeldet, war solvent, berufstätig, Anfang 30, mochte ausgedehnte Strandspaziergänge, Antipasti und Sonntagnachmittage im Museum.

Da ich vorhatte, mich in meiner Ehe auf jeden Fall zu langweilen, schien er der perfekte Kandidat.

Nach einem kurzen Nachrichtenaustausch war der Treffpunkt schnell ausgemacht.

Fotos tauschten wir nicht, Erik fand es so prickelnder.

Prickeln war allerdings ganz genau das, was ich nicht verspürte, als Erik das Lokal betrat.

Eigentlich betrat er es nicht, Erik schwebte.

Eine Mischung aus Thomas Gottschalk und Reinhold Messner mit schulterlangem wallenden Engelshaar, von Kopf bis Fuss in fließendes beiges Leinen gehüllt. Barfuss.

Diese Erscheinung brachte mich kurzfristig zum totalen Erstummen und die Kellnerin dazu, mir wortlos ein Bier hinzustellen.

Ich klammerte mich hilflos daran, denn meine Hoffnungen auf eine baldige Vermählung hatte ich bereits losgelassen.

Der Erik fand „es ganz toll, dass wir das so spontan gemacht“ hätten, denn „Stillstand, ja, Stillstand ist der Tod“ und „ey,das könnte man ja auch schon in der Pflanzenwelt sehen“, sowieso „sollten wir alle viel mehr mit unseren Schwestern Flora und Fauna in Einklang kommen,“ und er „der Erik, würde sich seine Wohnung jetzt probehalber mit ner Schleimpilzkolonie teilen.“, die „würden halt nicht abwaschen, seien aber ansonsten sehr intelligent.“

Mir fiel nicht mehr ein als „Hmm.“ zu sagen und der Bedienung zu bedeuten, man solle mir mit dem nächsten Bier gleich nen Schnaps bringen.Oder besser zwei.

Erik trank Matetee.

Weil „Alkohol so, ne, der behindert voll deinen Energiefluss, ey“ und außerdem „vergiftest du dich selber und das ist ja auch ein Zeichen,das du dein inneres Kind nicht lieben kannst und man muss ganz dringend mit seinem inneren Kind mal aufn Spielplatz und schaukeln, für die Balance und so.“

Naja, jeder wie er mag.“ versuchte ich die Stimmung zumindest versöhnlich zu gestalten.

Esoterik-Erik reichte das für einen weiteren halbstündigen Monolog, „ne, du,auf jeden Fall, jeder muss seine eigenen Vibes haben und da mit sich selber im Rhythmus trommeln.“

Was hieß, ich konnte weiter saufen, er weiter reden. Für den

Moment schien uns das beiden zu reichen.

Und der Erik hatte immerhin auch schon eine Menge gemacht.

Er hatte Energiesteine in Indien gesammelt, war den spirituellen Weg der Erleuchtung rückwärts gelaufen, dreifacher Reikimeister, konnte Räucherstäbchen am Geschmack erkennen und hatte sich in einem Körper-Geist-Seele Seminar mit seiner eigenen Homosexualität konfrontiert und sie besiegt.

Außerdem fiel mir jetzt, nach sechs Bieren und drei Jägermeistern zusätzlich auf, dass er mit seinen langen blonden Haaren wie der junge Angelo Kelly aussah.

Dieser hatte lange meine Teenagerphantasie beflügelt und als Poster über meinem Bett gehangen.

Und Esoterik-Erik sprach genau wie Angelo sang, so beruhigend und warm und voller Liebe.

Das letzte an was ich mich erinnere, ist meine Zustimmung zu einer Privatstunde in tantrischer Erlebnispädagogik.

Da sind einzelne Bilder von Eriks Hand auf meinem Rücken, Tarotkarten und Gebetsfahnen, einer schwungvoll zu Seite gestoßenen Klangschale und ich meine mich dran zu erinnern, in Tofu gewälzt worden zu sein.

Dann wird alles dunkel.

Am nächsten Morgen wache ich mit einem Yogamattenabdruck am Hintern und einem stattlichen Kater auf.

Neben mir liegt ein Zettel:

Bin weg. Mich selber suchen. Erik.“

Und ich fühle mich erleuchtet.

Heiraten lieber erstmal nicht.

Heute freut ihr euch gefälligst.

Heute will ich nichts hören.

Über baldige Montage, prokrastinierte To-Do-Listen, das laute Liebesspiel der Nachbarn und vor allem nichts übers Wetter.

Heute freut ihr euch, egal ob es regnet oder die Sonne scheint, dass ihr das sehen könnt, aus dem Fenster heraus oder auf der Straße.

Das ihr wißt, was rot und blau sind und euch niemand sagen muss, auf welcher Uhrzeit die Erbsen auf dem Teller liegen.

Ich will nichts hören über den Kater nach zu viel Bier, nervende Kunden oder eure zu dicken Hintern.

Heute freut ihr euch, dass ihr diesen Hintern alleine aufs Klo bekommt und danach sauber machen könnt, dass ihr niemanden braucht, der euch dafür aus dem Bett hebt und danach wäscht.

Ich will nichts hören über zu volle Busse, verspätete Bahnen oder allgemeine Müdigkeit.

Heute freut ihr euch, dass ihr schlafen gehen könnt, wann immer ihr wollt, dass ihr nicht warten müßt, bis jemand Zeit hat euch die Decke um die Füße zu schlagen, weil ihr selber nicht dran kommt.

Das ihr nicht kurz nach dem Abendbrot schon im dunklen Zimmer liegt, eben einfach, weil jemand anderes findet, dass es jetzt Zeit dafür ist.

Das ihr euch dreht, automatisch, jede Nacht, ein paar dutzendmal, weil euer Körper es kann.

Das niemand kommt um das mit euch zu tun,damit ihr euch nicht wund liegt, alle zwei Stunden. Jede Nacht.

Ich will auch nichts über schlecht sitzende Frisuren hören, über schlecht riechende Sitznachbarn oder schlecht schmeckendes Mensaessen.

Heute freut ihr euch, dass ihr alleine essen könnt, wann immer ihr wollt, wieviel ihr mögt.

Das euch niemand den Mund zum Löffel führt und nachschaut, ob ihr die Wangen leer macht.Das euch von mir aus Fast Food ernährt oder Schokolade oder auch der Pizzadienst, aber auf keinen Fall ein Schlauch in der Nase.

Ich will nichts hören über zu laute Kinder, das schlimme Fernsehprogramm und die Frage, warum er nicht anruft.

Heute freut ihr euch, dass ihr an einen Ort ohne Kinder gehen könnt, den Fernseher einfach wieder ausschalten und das Telefon nehmen und ihn anrufen.

Das ihr niemanden braucht, der euren Rollstuhl schiebt, eure Finger auf der Fernbedienung führt und euch den Hörer ans Ohr hält.

Heute will ich all das einfach nicht hören.

Heute sollt ihr mal kurz die Klappe halten.

Und euch gefälligst freuen.

Über all diese stinknormalen Sachen.

Und dann weitermachen.

Irgendwann ist wieder Montag, wieder Regen, sitzt die Frisur schlecht und er ruft nicht an.

Und dann hör ich euch auch wirklich gerne wieder zu.

Großwerden aufm Land – ein Tatsachenbericht

Ich hatte ja ein sehr schwere Kindheit.

Denn ich bin Westfalen geboren.

Genauer gesagt in Ostwestfalen.

Noch genauer auf einem Bauernhof.

Wenn die im Osten also dauernd behaupten, sie hätten ja nichts gehabt, kann ich behaupten, irgendwie auch dabei gewesen zu sein.

Während andere Kinder die Welt vom Li-La-Launebär und aus Pixiebüchern lernten, sah ich zu, wie Schweine Ferkel kriegen.

Wie im Kreißsaal, nur auf Stroh.

Wie von Götterspeise umhüllt flutschten die kleinen rosa Dinger nur so aus Sau heraus, die scheinbar intuitiv wusste, was sie da tat.

Auch ohne PDA.

Mit ganz verklebten Augen wuselten sie um die Mutter herum und versonnen betrachteten wir Kinder das Wunder der natürlichen Geburt.

Die Freude fand allerdings ein jähes Ende als Bauer Rainer alle Ferkelchen ertränkte, die beim dritten Mal nicht die mütterliche Zitze fanden.

Zu schwach zum Leben.

So lernte ich schnell:

Iß, oder die rauhe Hand des Lebens hängt dich kopfüber in einen Wassereimer.

Jetzt war ich also ein dickes Kind auf einem Bauernhof.

In der ostwestfälischen Provinz.

Trecker fahren wird ja allgemein als sehr romantisch betrachtet.

Und das mag es auch sein.

Wenn sie dich nicht zum Fahrrad fahren lernen an die Anhängerkupplung hängen.

Im Maisfeld.

Der größte Spaß der Nachbarsjungs bestand genau darin, mich mitten in so ein Nutztierfutterlabyrinth zu ziehen, die Leine zu kappen und abzuhauen.

Mit der hämischen Bemerkung, verhungern würde ich ja nicht.

Und wenn ich dann nach Hause kam, Stunden später, durch gefroren, verängstigt und vom Leben gezeichnet, wurde mir eröffnet, dass ich jetzt leider nach Opa baden müsse.

Schließlich sei ich nicht da gewesen.

Opa hatte schlimme Schuppen und offene Beine.

Aber, Tradition ist Tradition und auf dem Land wird die Wanne nur einmal aufgefüllt.

Wer nach Opa dran war, war wirklich ganz am Ende.

Kälbchen füttern.

Auch so eine Erfindung der Städter um sich den Kuhstallgestank schön zu reden.

Eines schönen Morgens stand ich also da, mit meinen Flaschen voller Milch und meinem von blonden Locken umrahmten Pfannkuchengesicht, bereit in einem roten Sommerkleid alle hungrigen Kuhkinder glücklich zu machen.

Rot ist eine hervorragende Signalfarbe.

Glaubt ihr nicht?

Fragt sie mal den Puter.

Er muss mich minutenlang hypnotisch angestarrt haben, um dann mit lautem Gegacker, geschwollenem Kamm und wildem Flügelschlagen auf mich zugerannt zu kommen.

Hilflos ließ ich die Milchflaschen fallen und rettete mich in den Pferdestall.

Leider in den Falschen.

Das Pony hieß Prinz und war zumindest seiner Meinung nach im Pferdestall der König.Um mich das unmißverständlich wissen zu lassen,trat er mir erst vors Knie und biß mich dann in die Schulter.

Danach heulte ich so, dass der Puter vor Schreck Platz machte und ich mich ins Wohnhaus flüchtete.

Bei der anschließenden Säuberung der Wunde bekam ich keine aufmunternden Worte oder tröstende Streicheleinheiten, sondern eine rohe Kartoffel zwischen die Zähne.

Was sollten denn die Nachbarn beim nächsten Kirchgang sagen, wenn das Blag wieder das ganze Haus zusammen brüllt?

Diese Narben trage ich seit heute.

Die vom Biss und die von der Kartoffel.

Trauriger war nur der Tag, an dem meine Schildkröte wegrannte.

Sie war das einzige Tier,was ich jemals gemocht hatte.

Weil sie war,wie ich.

Langsam,behäbig und erst unterm Panzer richtig gut.

Gerade deshalb nahm ich sie gern mit ins Planschbecken.

An einem schönen Sonnentag im August muss ich nicht richtig aufgepasst haben und Fischbrötchen floh in die Freiheit.

Bis heute vermute ich sie im Pool der neureichen Nachbarn.

Leider bin ich damals wie heute nicht in der Laune, über den Zaun zu klettern und nach zu schauen.

Sicher hat groß werden auf dem Land auch was Gutes.

Wo andere versuchten, sich Knutschflecke mit Hilfe von Staubsaugern zu zu fügen, um interessanter zu wirken, hatte ich eine Melkmaschine.

Mehr Power!

Allerdings sollte man keinen Finger rein stecken. Auch keine zwei.

Der Bauer versteht da wenig Spaß und ist generell der Pubertät gegenüber eher skeptisch eingestellt.

Als meine Hormone mein Brustwachstum unweigerlich voran trieben und die Frage nach dem ersten BH sozusagen offensichtlich im Raum stand, hieß es:

Wozu dem Mädchen neue Unterwäsche kaufen? Geh nach oben an die Aussteuertruhe, Oma hat dir da ein Mieder rein gepackt.“

So sass ich also auf meiner ersten Engtanzparty.

Mit blauen Knien,nach Kuhstall stinkend und in der hintersten Ecke.

Es hatte sich nämlich heraus gestellt, dass Oma befürchtete, meine nach der Ferkelgeschichte immer voluminöser werdenden Körpermaße würden sich nach der Heirat noch um ein Vielfaches ausdehnen.

Dieses fleischfarbene Mieder war wie ein Schlafsack aus Haut.

Aber meine Mutter hatte mal wieder bewiesen, was Bauernschläue bedeutet und dem ganzen mit Nähnadel und Garn eine Form gegeben, die unter der neuen Bluse die Brüste hochhalten sollte.

Leider die Form einer Stopfgans.

Das,was sie sonst mit Nadel und Faden vernähte.

Im schummrigen Schein der Teelichter hoffte ich einfach, von niemandem bemerkt zu werden.

Der Plan scheiterte natürlich als es zum Flaschendrehen kam und Mädchen und Jungs in westfälischer Reihe abwechselnd im Kreis sitzen mußten.

Mir schwante langsam, nur aus diesem Grund eingeladen worden zu sein.

Und wirklich traf die Flasche mich und Guido Geppke. Und bescherte mir den ersten Engtanz meines Lebens.

Zu Runaway train. Von Soul Asylum.

In der langen Version.

Bewegten wir uns zu Anfang noch etwas linkisch, so fanden Guido und ich immer mehr einen Rhythmus und er unfassbarer Weise einen Weg, mich mit seinen kleinen Armen vollständig zu umfassen.

Zum Schluss legte ich sogar,etwas verschüchtert zwar aber merkbar meinen Kopf auf seine Schulter.

Beseelt ging ich heim und schlief in meinem Miederstopfganskostüm, weil niemand mehr wach war, um mir die Nähte aufzutrennen.

Als am nächsten Morgen ein Polaroidbild von mir und Guido am schwarzen Brett der Dorfkirche hing, bei dem er hinter meinem Rücken nicht nur eine versaute Geste machte, sondern der zu weit gewählte Ausschnitt meiner Tanzbluse auch noch vollen Einblick auf mein fleischfarbenes Gerüst der Brusthaltung gab, schwor ich mir, in die Stadt zu ziehen.

Und nie wieder zurück zu kommen.

Und das hab ich ja dann auch gemacht.

Liebeskummer lohnt sich wohl.

Ehrlich gesagt, hatte ich öfter als einmal Liebeskummer.

Noch ehrlicher gesagt, hatte ich öfter Liebeskummer als keinen Liebeskummer und das ist ganz ehrlich oft genug.

Manchmal habe ich gar keinen Grund Liebeskummer zu haben und dann denke ich mir einen aus.

Denn: Ich habe Liebeskummer gern.

Kein anderer Zustand erlaubt es dir den ganzen Tag zu heulen, ohne Unterbrechung.

Noch bevor du morgens aufstehst, drehst du nur deinen Kopf um träge aufs Handy zu schauen.

Nichts. Keine Nachricht. Kein Anruf.

Nichtmal der Akku beklagt sich, bald leer zu sein.

Auch er hat dich vergessen.

Du weinst.

Es ist noch ein leises, fast ersticktes Schluchzen, dass deiner Verlassenheit in dieser Welt Ausdruck verleiht.

Du stehst auf und schleppst dich in die Küche und da sitzt:

Niemand.

Dein Schluchzen steigert sich zu einem lauter werdenden Schniefen, unterbrochen von gelegentlich tiefem Ausatmen, Tränen kullern die Wangen entlang.

Erstmal Kaffee kochen. Aber schon der Griff zum Kaffeepadhalter für nur EINE Tasse erinnert dich schonungslos an die Einsamkeit und Leere in deinem Leben.

Das Aufheulen wird lauter,beim Abstützen am Küchentresen schaltest du aus Versehen das Radio an und während Sinnead „Nothing compares to you“ schmettert,kauerst du dich wimmernd vor der Spüle zusammen,hältst deine Knie und wiegst dich rhythmisch vor und zurück.

Schließlich hattest du diese SINGLE auch mal.

Der Weg zurück ins Bett scheint unvermeidbar.

Leidende gehören aus Tradition hierher und außerdem bist du realistisch genug um zu erkennen,dass du die Embryohaltung den Rest des Nachmittags bequemer auf der Matratze als dem harten Fliesenboden durchhalten wirst.

So sind die nächsten Stunden gerettet und der Klaviatur des Kummers sind keine Grenzen gesetzt.

Alles ist erlaubt.

Das lautlose Weinen,das monotone Wimmern mit Schnappatmung,das Kreischen und ins Kissen jammern,abgehackte Klagelaute oder krampfhaftes Heulen.

Profis können Tränen nur aus einem Auge rollen lassen und fragen sich,die Welt und die Nachbarn aufs Parkett trommelnd:

Warum? Warum?“

Nach all diesem Wälzen in eigener Rotze und Elend möchtest du der Gesellschaft nicht länger vorenthalten, was sie dir durch all ihre Ignoranz angetan hat.

Welthunger? Politischer Bestechungsskandal? Bürgerkrieg?

Wen interessiert das? Du leidest.

Und das wird nie wieder gut werden.Die Erde wird sich aufhören zu drehen,die Sonne nie wieder aufgehen,Lachen ist unmöglich,das Unheil auf deinen Schultern lässt dich nie mehr aufrecht gehen und alles Mitleid des Erdballs gebührt dir.

Natürlich gehen deine Freunde nicht ans Telefon, obwohl du zweimal klingeln lässt.

Auch der Pizzaservice zeigt sich wenig geduldig,neben deiner Bestellung noch die Tirade der Traurigkeit über sich ergehen zu lassen.

So bleibt dir nur die Dunkelheit und die Zeitansage.

Zu „Beim nächsten Ton ist es 18:43 Uhr“ sinkst du in Dämmerschlaf, gelähmt und erschöpft von den dramatischen Ereignissen.

Irgendwann klopft es leise an der Tür.

Hey?“ fragt dich dein Mitbewohner. „Hier, die drei Briefe waren in der Post,auf dem Anrufbeantworter ist deine Mutter und Nachrichten von zwei anderen Leuten,Kalle hat nach dir gefragt und ich wollte wissen, ob du mit zur Feier kommst?“

Lass mich!“ schreist du, wirfst ihm ein Kissen an den Kopf und drehst dich ruckartig auf die Seite.

Ich hab Liebeskummer!“

Während er leise die Tür schließt, lächelt ihr beide.