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  1. Was würdest du sagen?

    Mai 8, 2012 by luckyhundertmark

    Ich rede wirklich gerne.

    Und doch gibt es Fragen, die mich sprachlos machen.

    Eine wird mir relativ häufig von meinen Patienten gestellt:

    “Warum muss ich das alles ertragen, obwohl ich doch immer so ein guter Mensch war?”

    Dazu sei gesagt, dass ich als Krankenschwester auf einer Station für Patienten in der Akutphase einer schweren Erkrankung arbeite. Wer bei mir liegt ist also nicht selten mitten aus dem Leben in die totale Abhängigkeit gerissen, weiß nicht, wie sein Weg weitergeht, ob und in welchem Maße er sich erholen wird.
    Oft empfinden die Betroffenen furchtbares Leid.
    Den physischen Anteil kann ich ihnen zu großen Teilen durch Medikamente erleichtern, aber dem psychischen steh ich oft hilf- und ratlos gegenüber.

    Meistens bleibe ich bei der Wahrheit und sage, dass ich es nicht weiß. Oder das es eben nicht gerecht zugeht im Leben. Versuche Gedanken auf das Positive zu lenken, von dem es manchmal einfach nichts gibt.

    Daher möchte ich einfach mal fragen:

    Was würdest du sagen?


  2. Lucky zum zuhören.

    April 13, 2012 by luckyhundertmark

    Seit ein paar Podcastfolgen bekomme ich von meinen Hörern eine “Hausaufgabe”, die bis zur nächsten Folge erledigt sein soll. Diesmal wurde sich unter anderem ein Hörspiel gewünscht.
    Um mit weniger Aufwand und ohne die Gefahr einer Urheberrechtsverletzung was vorlesen zu können, hab ich einen meiner Blogtexte genommen.

    Zuhören darf aber jeder. Übrigens auch beim Podcast.


  3. Von deiner Liebe erzählt.

    August 7, 2011 by luckyhundertmark

     

    Sie saßen und tranken am Teetisch

    und sprachen von Liebe viel.

    Die Herren, die waren ästhetisch,

    die Damen von zartem Gefühl.

     

    Die Liebe muss sein platonisch,

    der dürre Hofrat sprach,

    Die Hofrätin lächelt ironisch

    und dennoch seufzet sie: Ach!

     

    Der Domherr öffnet den Mund weit,

    die Liebe sei nicht zu roh,

    sie schade sonst der Gesundheit.

    Das Fräulein lispelt: Wieso?

     

    Die Gräfin spricht wehmütig:

    Die Liebe ist eine Passion!

    und präsentieret gütig

    die Tasse dem Herren Baron.

     

    Am Tische war noch ein Plätzchen,

    mein Liebchen, da hast du gefehlt.

    Du hättest so hübsch, mein Schätzchen,

    von deiner Liebe erzählt.

     

    Heinrich Heine.

    (Danke an den letzten Kommentar, hab erst dann gemerkt, das ich es vergessen hab, drunter zu schreiben…)


  4. Sommer 2011. Ein Dankeschön.

    August 4, 2011 by luckyhundertmark

     

    Betrachtet man die Zahl meiner virtuellen und tatsächlichen Freundschaften, meine monatliche Handyrechnung und mein E-Mailpostfach so darf man mit Fug und Recht behaupten, ich sei eine gut sozial integrierte und akzeptierte Person.

    Bis auf dieses eine Thema mir meiner einen Meinung.

     

    Ich hasse den Sommer. Und die Sonne. Und Temperaturen über 20° Celsius.

     

    Ich hasse den gesellschaftlichen Druck, „dann das Wetter genießen zu müssen“, was in den meisten Fällen grillen bedeutet, was Essen bedeutet, das mit hoher Wahrscheinlichkeit mindestens einmal ins Gras fällt, was Müll bedeutet, den die meisten Leute nicht wegräumen, was sitzen auf Decken bedeutet, welches in kurzen Röcken niemals problemlos und in langen Hosen niemals schwitzfrei möglich ist.

     

    Überhaupt, schwitzen.

    Ich hasse schwitzen. Bei anderen und bei mir.

    In der Bahn, an der Kasse, auf dem Amt, diese Wolken säuerlichen Milchgeruches, mal mit Nuancen alter Zwiebel, dann wieder mit dem Timbre des letzten Schnapses aus schlecht gespülten Gläsern sind einfach überall und einmal in der Nase festgesetzt versauen sie einem schon mal den Duft der frisch gewaschenen und luftgetrockneten Wäsche am Abend.

    Mein Deokonsum liegt mit Sicherheit im oberen Drittel des durchschnittlichen Bundesverbrauches, da ich immer in der Angst lebe, ich könne nach Schweiß riechen.

    Genau diese Angst löst aber die von mir so benannte „Spirale des Schweißes“ aus. Schon bevor ich das Haus verlasse, treibt mir die Angst vor Schweißflecken und Schweißgeruch genau diesen Angstschweiß auf die Stirn, aus Angst vor Folgen dieses Schweißes folgt die nächste Ausschüttung, ich mache die Tür wieder zu und gehe duschen.

     

    Überhaupt, vor der Tür.

    Jeder soll tragen, was er will. Da bin ich ein großer Fan von. Aber die Präsentationen fremder Achselbehaarungen übersteigt ab einer Anzahl von fünf in direkter Folge dann auch meine Toleranz. Auch deutlich sichtbare BH-Träger unter Shirts, die ohne BH getragen werden sollten, aber meistens von Menschen bevorzugt werden, die ohne BH nirgendwo hingehen sollten, machen mir an manchen Tagen zu schaffen.

    Gerade als jemand, der im Sommer überhaupt nie die richtige Kleidung findet, um alle Komplexe zu überdecken, schwanke ich zwischen Bewunderung des Selbstbewusstseins mancher Menschen und abgrundtief verächtlichem Neid auf solche, die ihren makellosen Körpern einfach ein winziges Irgendwas überstreifen und dann perfekt gebräunt auf Decken im Park herumliegen.

     

    Überhaupt, gebräunt.

    Mein Teint lässt sich als transparent beschreiben. Bestenfalls dunkelweiß. Mit viel guter Absicht so was wie eierschalen. Auf jeden Fall hell.

    Wenn ich kurze Hosen trage, werden Menschen geblendet. Das ändert sich auch weder nach Aufenthalten in der Sonne, noch unter der Sonnenbank. Nach mehr als fünf Minuten in der Sonne werde ich krebsrot, kriege Ausschlag und Sonnenstich. Daher verstecke ich mich solange in der sicheren Dunkelheit des Hauses, bis die Sonne den Horizont und potentielle soziale Kontaktpartner die Öffentlichkeit verlassen haben.

     

    Überhaupt, Stich.

    Insekten sind im Sommer einfach überall. Und ich hasse Insekten. Mückenschwärme, Bienen, Wespen, Hornissen. Sobald man sich auch nur in der Nähe eines Mülleimers oder einer geöffneten Bierflasche befindet, ist man nie alleine, sondern ständig belagert von freundlichen Insekten aus der Nachbarschaft. Meine Tierliebe endet in diesem Fall bei meiner körperlichen Unversehrtheit und einem Stich in mein linkes Knie. Aber auch nicht stechende Tiere kosten mich Nerven.

    Schmetterlinge sind meiner Meinung nach genauso schlimm mit ihren riesigen schlagenden Flügeln und kleinen Füßen, mit denen sie schmecken.

    Genauso wie Vögel, die vor meinem Fenster singen.

    Ihr Kopf ist im Vergleich zu ihrem Körper unglaublich klein, dafür zucken sie damit arrhythmisch durch die Gegend und starren emotionslos mit diesen schwarzen, pupillenlosen Augen auf mein Milchbrötchen.

    Großstadtkonditioniert haben sie jegliche Angst vor Menschen verloren und lassen sich selbstgefällig auf meinem Balkontisch nieder und ihren Mist zurück.

     

    Überhaupt, Mist.

    Anträge oder Anmeldungen dauern im Sommer oft länger, da Urlaubszeit ist und jeder auf dem Weg zum Meer im Stau steht. Die Schlangen vor der Eisdiele sind endlos, Ventilatoren ausverkauft, Baustellen schießen wie Pilze aus dem Boden, von dem Ozonloch oder dem jährlichen Sommerhit samt Saufsongschwemme aus Mallorca ganz zu schweigen.

     

    Daher sage ich: „Danke, Sommer 2011!“ Danke, dass du bisher eher wie ein Winter bist.

     

    Ich liebe Winter.

    Ich liebe Schneegestöber, Hagelschauer, kalten Eisregen, der Gehirnfrost verursacht, Tage an denen es nicht hell wird, gefrorenen Atem, Gänsehaut und blaue Lippen.

    Es gibt für mich nichts Schöneres als Eisblumen an Fenstern, hinter denen man in dicke Decken gehüllt Käsekuchen und Kakao genießt, die, erst mal auf der Hüfte gelandet, leicht unter mehreren Lagen Pullovern und Jacken versteckt werden können.

    Mützen und Strumpfhosen, die nicht nur modisches Zeichen der Coolness, sondern tatsächlich nützlich sind.

     

    Niemand trifft sich zum grillen, aber alle zum Glühwein trinken. Auf einem der wundervollen Weihnachtsmärkte.

    Und da die Zugvögel im Süden, der Wespenstaat und die Baubranche in der Winterstarre und die Sonne schon am frühen Nachmittag auf der anderen Halbkugel weilen, in himmlischer Ruhe.

    Zugegeben von halbstündigen „Last Christmas“- Beschallungen mal abgesehen.

     

    Daher an dieser Stelle nochmals: „Danke, Sommer 2011!“

    Danke, dass ich meinen Geburtstag in sechs Tagen mit Decke, Eierpunsch und Bratapfel feiern kann.

    Bleib bitte, wie du bist.

    Auch wenn ich weiß, dass es schwer ist, ein Außenseiter zu sein, den niemand mag.

    So geht es mir jedes mal, wenn ich sage, dass ich den Sommer hasse.

    Außer dich. Dich mag ich.

     


  5. Also, ich könnte das ja nicht…

    Juli 29, 2011 by luckyhundertmark

     

    Und da ist sie wieder. Partyfrage Nr.3. Direkt nach “Wie heißt du?” und “In welchem Stadtteil?”:

    “Was machst du denn so?”

    In den meisten Fällen wird hiermit tatsächlich der Beruf gemeint, die Themen Hobbies und Vorlieben im Nachtleben folgen frühestens in den Partyfragen 4 und 5.

    “Ich bin Krankenschwester.”

    “Oh, toller Beruf. Ziemlich schwierig. Aber echt, total toll. Also, ich könnte das ja nicht, aber…naja, solche Leute muss es auch geben.”

    Pointiert und zusammengefasst sind das allermeistens die Reaktionen auf meine Berufswahl. Auf Nachfrage, was genau man daran nicht könne, höre ich in den seltensten Fällen fremde Exkremente, Blut oder nackte Menschen. Mitteloft werden Schichtdienst und Krankenhausgeruch genannt, die Favoriten sind aber die vielen schlimmen Schicksale und das ganze Leid.

    Gleichzeitig wird mir immer, auch ungefragt und ungekannt, ein hohes Maß an Mitmenschlichkeit, Idealismus und Großherzigkeit attestiert.

    Dann folgen noch ein paar Anekdoten aus eigenen Erfahrungen mit Ärzten oder Krankenhäusern, wahlweise aber auch eine Frage zum Ausschlag am Fuss der Freundin der Nachbarin von der Mutter ihrer Arbeitskollegin. Der näßt auch. Ist Betroffene zufällig anwesend, kann ich mir das ganze mit an Sicherkeit grenzender Wahrscheinlichkeit gleich mal ansehen. Wird mir ja nichts ausmachen. Ist ja mein Beruf.

    Sollte die Frage am späteren Abend und mit höherer Promillezahl gestellt worden sein, so fügen sich an diese Abläufe gerne noch ein paar Konnotationen bezüglich gesehener Pornofilme an.

    Das alles langweilt mich mehr, als das es mich stört.

    Was mich aber stört, sind die Blicke, die die Worte begleiten, ist also das, was nicht gesagt wird. Denn auch, wenn die Wichtigkeit meines Berufes von fast niemandem bestritten wird, so bin ich am Ende des Tages für viele eben “nur” Krankenschwester.

    Ich habe dafür nicht studiert, keine wissenschaftliche Recherche betrieben, in meinem Tagesablauf gibt es weder Telefonkonferenzen noch Projektvorstellungen, ich werde nicht auf Veranstaltungen eingeladen und wenn ich beruflich mal wirklich coole, berühmte oder interessante Menschen treffe, darf ich nicht darüber reden.

    Dass dieses Gefühl nicht nur in meinem Bauch existiert, merkte ich spätestens bei einem Date mit einem Piloten, der mir drei Stunden lang eröffnete, wieso eine Ärztin sich als Ehefrau in allen Prestigegründen besser machen würde als eine Krankenschwester. Er durfte den Flughafen während seines Strafverfahrens nicht betreten. Er hatte bei IKEA geklaut. (Richtig. Was zum Teufel stiehlt man da? Teelichter? Ne Einbauküche?)

    In den Medien findet mein Berufszweig entweder als Opfer des Pflegenotstandes oder ewig perfekt frisierter Superfrau mit 87 verfügbaren Tagesstunden und stets gebügeltem Kittel im tadellosen Gleichgewicht zwischen OP, Station und heimischem Herd statt. Von den Vorurteilen, den meine männlichen Kollegen ausgesetzt sind, ganz zu schweigen.

    Außerdem stört mich die Annahme, ich arbeite nur aus Menschenliebe. Wie sonst könnte man all das Leid (und all die ekelhaften Ausscheidungen) ertragen, wenn man nicht eindeutig zu den Guten gehörte?

    Vielleicht, weil man seine Miete zahlen muss. Und vielleicht, weil Ärsche wischen nur ein Teil des großen Ganzen ist.

    Es gibt unzählige Arbeitsfelder, in denen man mit meiner Ausbildung arbeiten kann. Da ich aber gerne weiß, wovon ich rede, erzähle ich von meinem:

    Ich kenne mich am besten mit dem Gehirn aus, Menschen, die auf meine Station kommen, haben einen akuten Schlaganfall oder andere schwerwiegende Erkrankungen des zentralen Nervensystems, die mit teilweise irreversiblen, lebensverändernden Einschränkungen einhergehen.

    Priorität hat das Überleben und damit Überwachen meiner Patienten. Dazu brauchen wir Geräte und Maschinen, die auch mal fiepen, blinken oder gar nichts machen. Da ich nicht warten kann, bis jemand kommt, der sich damit auskennt, bin ich manchmal auch Technikerin.

    Das Fiepen, Blinken und nichts machen beunruhigt anwesende Angehörige, die meist sowieso schon am Rande des Wahnsinns stehen, nicht wissen, was zu tun ist, was geschehen wird und wie es weiter gehen soll. Ich betreibe also Krisenintervention, bin Beraterin, vermittle Hilfe zur Selbsthilfe, gebe Kurzschulungen über körpereigene Abläufe und halte manchmal einfach nur meine Klappe und ihre Hand. Und oft genug auch meinen Kopf hin, wenn sie nicht wissen wohin mit ihrer Angst oder Überforderung, ihrem Unmut oder einfach nur Arschlochsein.

    Ich bin Friseurin, Ernährungsberaterin und Seelsorgerin, beantworte immer wieder das Telefon, scanne, kopiere, faxe und hefte ab, koordiniere Termine, Therapien, Entlassungen und Aufnahmen, rede mit Ärzten, Verpflegungsassistenten, Konsiliaren und Rehaeinrichtungen.

    Dabei bin ich stets freundlich, achte auf Hygiene und Wirtschaftlichkeit.

    Meine Arbeit kann ich nie für morgen liegen lassen und nicht mit nach Hause nehmen. Jeder Tag ist anders und kann nicht vorbereitet werden. Abläufe müssen strukturiert werden und doch so flexibel sein, dass auf Notfälle immer reagiert werden kann.

    Ich arbeite mit meinem Kopf, meinen Händen und Füßen und um meinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, auch immer mit dem Herzen. Daher höre ich jeden Tag: “Danke, dass sie heute aufgestanden und zur Arbeit gekommen sind.”

    Und daher wische ich, wenn es eben sein muss, auch Ärsche.

    Und sage lächelnd, wenn mir jemand erwidert, er sei Senior Consultant Art Director Manager Vice President: “Echt? Cool. Also, ich könnte das ja nicht!”

     

     


  6. Mein erstes Mal Rouladen.

    Juli 10, 2011 by luckyhundertmark

     

    Nach 10 Jahren WG- und größtenteils Singleleben bin ich Expertin fürs Tiefkühlpizza kochen, Dosen auch ohne Dosenöffner öffnen und natürlich Lieferservicenummern wählen.

    Stets hab ich behauptet, nicht kochen zu können und dabei glatt gelogen.

    Meine Kindheit hab ich zu einem großen Teil auf und neben einem Bauernhof und in dem Glauben verbracht, Tütensuppen seien der pulverisierte Teufel. Wir haben uns im reifen Erdbeerfeld versteckt, Futtermais mit Kühen geteilt, eigene Mohrrüben aus der Erde gezogen und bis zu den Ellenbogen Brotteig geknetet.

    Wenn ich auch keine heile Familie hatte, dann zumindest eine, die mindestens einmal am Tag gemeinsam gegessen hat.

    Wie selbstverständlich hat meine Mutter Rotkohl für lila Kartoffelberge geschnibbelt, während wir daneben saßen und geübt haben, Äpfel in einer Spirale zu schälen. Ich kann mich nur an ein einziges Rezeptbuch erinnern. Die Seite mit dem Käsekuchen war voller Teigspritzer und kaum noch lesbar. Alles andere wurde ohne Rezept gekocht, eher mit so einer Ahnung. Und Liebe.

    Die schmeckt man nämlich. Am deutlichsten als Unterschied zwischen gekaufter gesprühter oder handgeschlagener gehäufter Sahne.

    Heute hab ich seit einer Woche meine erste eigene Küche. Gemeinsam mit meinem eigenen Mann, der so gerne Rouladen isst.

    Also hab ich zum ersten Mal welche gekocht. Ohne Rezept, dafür aber mit so einer Ahnung. Natürlich haben mindestens fünf eigentliche Zutaten gefehlt, die ich durch irgendwelche die da waren, ersetzen mußte.

    Ab sofort sind Lauchzwiebeln, H-Milch, Paprikafrischkäse und Astra familieneigene total geheime Geheimzutaten, wegen derer mein zukünftiger Sohn immer wieder zu Muddi zum Essen kommen wird, weil seine Frau es ohne das total geheime Geheimwissen nie so hinkriegen wird.

    Damit ihr an meinem Erfolg auch teilhaben könnt, hier ein paar Impressionen. Ein Rezept dazu kann ich euch nicht geben. Nur so ne Ahnung. Und einen Tipp: Mit Liebe!

    P.S.: Der Fleischklopfer ist mein neues Lieblingsgerät.


  7. Mein erstes Mal Metal.

    November 16, 2010 by luckyhundertmark

    Alles beginnt mit einem Anruf, einer übrig gebliebenen Konzertkarte und einer Stunde Zeit bis zum Treffpunkt.

    Es ist irgendwie Heavymetal, es ist nicht meine Musik, nicht mal meine Freunde, nur ein entfernter Bekannter und ein Montagabend, der nicht auf dem Sofa verbracht werden möchte.

    Ich bin mir unsicher, was ich anziehen soll und ob ich Spaß haben werde, fürchte um mein Gehör und verdränge die Bilder der letzten Wackenreportage.

    Also schwarze Strümpfe, schwarzer Rock, dunkel wird es sicher sein und wenn es hart auf hart kommt bin ich damit gut getarnt und fast unsichtbar.

    Bahn fahren, verlaufen, in die falsche Veranstaltung nebenan platzen. Ankommen verläuft nach Standard.

    Hände schütteln, Namen sagen, reingehen, Bier kaufen.

    Bisher hat mir niemand was getan.

    Wir machen den alten Jacke-in-Jacke-Trick, um einen Euro für die Garderobe zu sparen, in dem Wissen, dass er eh nicht funktioniert, der Türsteher stempelt mich mit „gesehen“ ab, ich smalltalke und schaue mich um.

    Wie erhofft ausreichend Männer mit langen Haaren und blutverschmierten Monstern auf dem Shirt.

    Aber auch eine Menge gepflegter Kurzhaarschnitte, hochgekrempelte Bürohemden mit durch blitzenden Tattoos, Jungs die meine kleinen Brüder und Frauen die meine Mütter sein könnten.

    Es ist ein interessantes Publikum.

    Und ein nettes.

    Alle stellen sich brav in den Raucherbereich, an der Bar wird sich fürs Drängeln entschuldigt, Leute lachen und umarmen sich zur Begrüßung.

    Die Vorband schreit schon, trotzdem sind alle entspannt, man kommt schnell ins Gespräch. Kinder, Beruf, Urlaub.

    Nichts von Blut trinken, Axt schwingen und Teufel beschwören.

    Hätte ich also eh die falschen Themen gegoogelt, wenn dafür noch genügend Zeit gewesen wäre.

    Vorband vorbei, noch eine rauchen, noch ein Bier.

    Reingehen?“

    Klar, ich freu mich schon ein halbes Jahr drauf!“ erwidere ich grinsend und die Jungs grinsen zurück und wir stoßen an.

    Auf dem Weg treffe ich meinen Anwalt, auch wir stoßen an, begrüßen den glücklichen Zufall und erreichen den Saal.

    In der Mitte eine rechteckige Tanzfläche, drumherum viele Stufen, wie eine Arena mit Rängen.

    Es ist gerade voll genug, laut genug, heiß genug.

    Wir schieben uns bis in die Mitte des Vierecks, da, wo gleich geschubst wird.

    Der Mann hinter mir ist mindestens zwei Meter groß und da mir was an körperlicher Unversehrtheit liegt, schaue ich ein wenig ängstlich.

    Er fragt lächelnd, ob wir Plätze tauschen wollen, ich nehme lächelnd an, winke meinen eigentlich Begleitern zu und stelle mich neben meinen Anwalt ans hintere Ende der Tanzfläche.

    Das Licht wird dunkler, um uns herum wird es enger, die Menge skandiert den Bandnamen.

    Als die auf die Bühne kommt, recken sich alle Arme zum Metalgruss nach oben.

    Jetzt hat es doch etwas sektenhaftes.

    Für einen kurzen Moment bin ich sicher, hier rein gelockt worden zu sein und bereite mich darauf vor, mein Leben als Opfer auf einem Altar aus rotem Samt zu beenden.

    Blick rüber zum Anwalt.

    Der wiegt mit dem Kopf im Takt und klatscht dazu.

    Also auch mal klatschen probieren.

    Hallo Hamburg! Scream!“

    Und Hamburg screamt. Und um mich herum springen alle und stoßen sich aneinander ab, auf einander zu, miteinander um.

    Taumeln, drehen, Haare schmeißen.

    Es ist eine riesengroße Schulhofkeilerei.

    Als jemand etwas vom Boden aufhebt, stellt sich sein Kumpel schützend vor ihn, ein anderer streckt einen Schuh in die Luft, auf der Suche nach seinem Besitzer.

    Sie heben sich gegenseitig hoch, nehmen Anlauf und rammen sich in die Masse, bilden Spaliere, um dann aufeinander zu prallen.

    Selten hab ich glücklichere Menschen gesehen.

    Es wirkt wie ein gepflegtes Ausrasten. So, als achteten alle in diesem Menschenbrei irgendwie aufeinander.

    Ich signalisiere durch das Betreten der ersten Stufe oberhalb des Hexenkessels, dass ich lieber nicht geschubst würde und werde dies den ganzen Abend auch kein einziges Mal.

    Wenn Leute an mir vorbei wollen,fassen sie mich sanft am Ellenbogen,lassen mir Platz um ihnen Platz zu machen, sagen Danke.

    Beim letzten Konzert einer angesagten Indieband kam ich nicht aufs Klo, ohne mir drei Haarbüschel ausreißen zu lassen.

    Ich entspanne mich, konzentriere mich auf die Musik.

    Man spürt den Bass in den Füßen, im Bauch, meine Haarspitzen vibrieren.

    Es ist laut, es ist schnell, es tut gut.

    Ich verstehe kein Wort.

    Wenn es nach mir ginge, spielt die Band ein anderthalb Stunden langes Lied und der Mann am Mikro hat unglaubliche Schmerzen.

    Aber das ist gerade egal.

    Ich fühle wie der Boden unter mir bebt und dann, wie ich mich selber bewege.

    An einer Stelle schüttle auch ich kurz meine Haare und blicke danach beschämt nach links und rechts.

    Scheinbar nichts falsch gemacht.

    Der Anwalt und ich tanzen und klatschen, johlen, wenn der Bandleader es verlangt, es wird heißer, lauter, besser.

    Die ersten ziehen ihre Shirts aus, alle schwitzen, keiner kümmert sich darum, sie springen noch immer, recken die Arme nach oben und sind glücklich.

    Und ich bin es irgendwie auch, in meinem Kopf ist endlich nichts mehr außer Bass, Gitarre und Schlagzeug, einmal ganz gedankenlos.

    Neben mir tanzt ein Mädchen, ihr Freund kommt aus der Masse auf sie zu gerannt, schweißnass schüttelt er sich vor uns wie ein Hund nach dem Regenspaziergang.

    Wir lachen beide und er lacht mit, ich kann den Schweiß fremder Leute nicht ekelig finden, nicht heute.

    Zwischen zwei Liedern sehe ich meine nach oben gestreckten Hände.

    Sie machen den Metalgruss.

    Dann ist es vorbei, die Band lässt sich noch zweimal auf die Bühne brüllen, das Licht geht an, wir holen die Jacken.

    Ich betrachte die vielen klatschverschwitzten Männer, die beseelt versuchen, ihre Kleidung aus zu wringen oder sich gleich neue am Merchandisingstand kaufen.

    Morgen müssen alle arbeiten, nochmal Hände schütteln, bedanken, durch atmen, rauchen, verabschieden.

    Der Anwalt und ich nehmen die Bahn zum Kiez, werten den Abend in Einzelheiten aus, schätzen die Abmischung gleich ein, rätseln, wer denn nun der Gitarrist war, reden und reden und wollen eigentlich gar nichts sagen.

    Nur nachspüren.

    Am Tresen stoßen wir mit Sekt an, wir haben uns zu feiern.

    Die Barfrau schenkt uns Schnaps, lässt sich vom Abend erzählen, die Kneipe füllt sich mit anderen Konzertbesuchern, alle grinsen und trinken und sind immer noch glücklich.

    Metal wird sicher nie meine Musik, aber die Menschen waren gestern abend meine.

    Und falls mir jemand einen Platz im Zelt aufm Wacken anbietet, ich bin dabei.


  8. Turnhallentrauma.

    November 14, 2010 by luckyhundertmark

    Wie bereits mehrfach erwähnt, war ich ein dickes Kind.

     

    Mit Puddingärmchen und Puddingbeinchen, die bei einem Säugling Passanten noch nach Kindchenschema zum Verzücken bringen, bei einer Achtjährigen aber eher die Frage der Verwahrlosung in den Raum stellen.

     

    Ein einziges Mal spielte ich in meiner Schulzeit die Hauptrolle in einem Theaterstück.

    Dem Märchen vom dicken, fetten Pfannekuchen.

     

    Gleichzeitig besaßen wir wenig Geld und meine Mutter schnitt uns aus Sparmaßnahmen den Pony selbst. Grade und kurz über den Augenbrauen endend.

     

    Dieser Frisurenwahnsinn, der uns Kinder der frühen 80er gepaart mit Radlerhosen und einem furchtbaren Musikgeschmack das Leben sowieso schon schwer machte, war aber nicht mein größtes Problem.

     

    Sondern das, was alle dicken Kinder zutiefst traumatisiert und Scharen von Therapeuten Jahre später Brot und Miete sichert:

     

    Der Sportunterricht.

     

    Es fing schon beim Umziehen an.

    Das Problem daran war, kurzzeitig nackt zu sein.

     

    Pubertierende Mädchen sind nicht gerade Verfechter von Solidarität, Anstand und Moral.

    Es sind wilde Raubtiere,jederzeit bereit durch einen abschätzigen Kommentar eindeutig klar zu machen, wer an der Spitze der Hackordnung steht.

     

    Es ist subtiler als unter Jungen.

    Es sind keine Schläge, es sind Emotionen.

     

    Ein Blick der Klassenschönheit auf dein gräulich ausgeleiertes Sportbustier und für die nächsten Wochen stehst du als Spottobjekt der 7d unumstößlich fest.

     

    Mit der Zeit kannte ich alle Tricks.

     

    Das Sportshirt schon in der großen Pause auf dem Schulklo drunter ziehen.

    Entweder sehr schnell oder sehr langsam sein, um die Umkleide für sich allein zu haben.

    Den schwer einsehbaren und strategisch gut gewählten Platz direkt hinter Tür.

     

    Zusätzlich zog ich stets zwei Unterhosen übereinander, um den straffenden Effekt eines Stützstrumpfes zu imitieren.

     

    Hätte ich soviel Ehrgeiz in meine gesamte Schulkarriere investiert, wie in die Planung mich meinen Mitschülerinnen auf keinen Fall nackt zu präsentieren, wer weiß, was aus mir hätte werden können.

    Ärztin, Astronautin, Professorin.

     

    So hingegen kann ich mich einfach wahnsinnig schnell an- und wieder ausziehen.

     

    Jeder Versuch meinen Lebenspartner durch langsames Abstreifen meiner Kleidung zu körperlichen Höchstgelüsten anzustacheln, scheitert.

    Wobei nicht das größte Problem ist, dass ich in fünf Sekunden nackt bin, sondern eher, das ich sofort nach Entledigen meiner Sachen in der Hälfte der Zeit die Hosen wieder an hab.

    Er muss also den Raum verlassen, wenn ich die Kleidung ablege und den richtigen Moment abpassen, in dem ich gerade unter die Decke geschlüpft bin, um meine Klamotten dann so zu positionieren, dass ich sie auf keinen Fall erreiche, bis er mich auf andere Gedanken als Wiederbekleidung gebracht hat.

     

    Erotik geht anders.

     

    Aber die Umkleide war nur der Auftakt.

    Das wirkliche Drama spielt sich in der Turnhalle ab.

     

    Warmlaufen.

     

    Ein so nettes Wort für eine so hässliche Sache.

    Ich musste sicher zwanzig Kilo zu viel mit mir herumschleppen, nach drei Runden im Kreis war mir nicht warm, sondern ich war beatmungspflichtig.

     

    Alles, was ich wollte war, dass es aufhört.

    Das ich mich hinlegen und sterben kann.

     

    Alles, was mein Sportlehrer wollte war, dass ich Liegestützen machte.

     

    Diese Forderung unterstrich er mit einer Trillerpfeife und meinem mehrfach laut gebrüllten Namen.

    Bis auch jeder Depp in der Mehrzweckhalle verstand, dass die Dicke es nicht kann.

     

    Mit Tränen in den kleinen Rosinenaugen rückte die nächste Stufe der Demütigung unaufhörlich näher.

     

    Zirkeltraining.

     

    Sprossenwand, Hängeseil, Medizinbälle.

    Nie hab ich diesen Namen verstanden, denn Medizin sollte gut für Menschen sein, sollte sie heilen und ihnen Schmerzen nehmen, keine zufügen.

     

    Ich konnte weder klettern, noch laufen, noch werfen.

    Seit der fünften Klasse hatten meine Sportnoten mir das bestätigt, meine Lehrer mir das eingetrichtert, das spöttische Lachen meiner Mitschüler das deutlich gemacht.

     

    Geräteturnen.

     

    Keine Ahnung, wer sich mehr quälte. Ich, bis ich meine dicken Ärmchen endlich das Reck hoch gestemmt hatte, oder mein Lehrer bei der Hilfestellung zum Feldaufschwung.

    Wir stöhnten beide und gaben uns die nächsten Jahre im stillen Einverständnis damit zufrieden, dass ich diese Übungen verweigerte und eine Sechs kassierte.

     

    Durch meine Noten in allen Fächern ohne Bewegung konnte mir das egal sein.

     

    Und da ich immer meine Hausaufgaben teilte, wurde ich als Gegenzug als höchstens Vor-vorletzte in die Brennballmannschaft gewählt und entging zumindest dem weit verbreiteten Letzte-auf-Bank-Trauma.

     

    Alljährlicher Höhepunkt schulischer Grausamkeit gegen Menschen mit sportlichen Defiziten waren eindeutig die Bundesjugendspiele.

    Vorgeführter wurden nur früher nur Frauen mit Bärten auf Jahrmärkten.

     

    Laufen, Springen, Werfen.

     

    Der furchtbare Dreiklang organisierter Brutalität im Namen der körperlichen Ertüchtigung.

     

    Nicht nur, dass alle zusahen, wie ich nach Herzenskräften bemüht den Gummiball von mir weg schleuderte.

    Als Krönung wurde das Ergebnis auch noch lautstark nach jedem der drei Versuche verkündet.

     

    Hundertmark, 20cm! Korrigiere, -20cm. Der Ball landete hinter Teilnehmerin.“

     

    Beim Springen ins Sandbecken wunderte sich niemand mehr über die drei ungültigen Versuche hinter meinem Namen, nach dem Anlauf war ich längst viel zu sehr aus der Puste, als noch irgendein Körperteil vom Boden zu heben.

     

    Der 50m-Lauf machte meinen Untergang perfekt, als der Lehrer schon die nächste Gruppe starten ließ, während ich mich noch in der Mitte der Bahn befand. Es würde ihm sonst zu lange dauern und ja auch irgendwann dunkel werden.

    Natürlich überschritt ich die Ziellinie trotzdem als Letzte.

     

    Und dann Siegerehrung.

    Alle liefen ihren Eltern fröhlich mit Ehrenurkunden und Auszeichnungen entgegen,nur aus meiner linken Faust tropfte Blut.

    Fast so tief wie der Vormittag voller Niederlagen in mein Herz, hatte sich der Pin für einfach nur Teilnahme in meine Handinnenfläche gebohrt.

     

    Einmal hab ich diesen Wahnsinn über mich ergehen lassen.

    Und mich dann konsequent zehn aufeinander folgende Jahre entzogen, in dem ich nach und nach alle Familienmitglieder sterben oder zumindest schwer erkranken ließ.

     

    Danke an dieser Stelle an meine Oma, die im Dorf immer überzeugend von ihrem nie stattgefunden Herzinfarkt berichtete.

     

    Vielleicht waren es Schuldgefühle.

    Das Dicke-Kind-Sein hab ich sicher von ihr geerbt.

     

     

     

     

     

     

     


  9. Wie es wirklich ist.Ein ganzer Tag mit PMS.

    November 2, 2010 by luckyhundertmark

    6:00 Uhr

    Wecker klingelt.Verfluche das Leben,meinen Job und das Morgengrauen. Will Kaffee.

    6:15 Uhr

    Tagestiefpunkt erreicht. Blick in den Spiegel. Bei einem könnte man vielleicht noch von Pickeln reden. Aber das hier ist eine Katastrophe.

    6:30 Uhr

    Probiere, mich anzuziehen. Alles, was ich hab, ist über Nacht hässlich geworden und über den Brüsten zu klein. Schaffe es nur mit Beherrschung, nicht zu weinen.

    07:15 Uhr

    Verlasse das Haus.

    07:18 Uhr

    Kehre zurück um meine Tasche zu holen.

    07:23 Uhr

    Verpasse meine Bahn. Weine jetzt bitterlich. Mann am Kiosk versucht mich durch freie Auswahl aus dem Sortiment zu beruhigen.

    08:00 Uhr

    Ankunft im Büro. Stinke nach Fernet Branca und Lakritze. Also, alles wie immer, niemand schöpft Verdacht.

    10:28 Uhr

    Ausgeglichene Stimmung nun schon zweieinhalb Stunden gehalten. Belohne mich mit Familientafel Milka.

    10:29 Uhr

    Erinnere mich, dass man von Schokolade fett wird und keinen Freund findet. Bin sehr traurig. Esse nun Chips.

    12:45 Uhr

    Mittagspause. Schäle eine Mandarine. Überlege, dass ihr nun sicher kalt sein wird. Weine erneut.

    12:46 Uhr

    Habe sie trotz Mitleid gegessen. Weine nun, weil ich so ein schlechter, hormongesteuerter Mensch bin. Erkläre dies Herrn Meyer aus der Buchhaltung. Weint jetzt aus den selben Gründen.

    14:25 Uhr

    Tagestiefpunkt erreicht. Kundengespräch.

    16:17 Uhr

    Kollegin im Mutterschutz bringt Baby zum Zeigen vorbei. Verfalle in Verzückungslaute. Welt ist rosarot und schmeckt nach Kirsche.

    16:19 Uhr

    Kind konnte auch nach mehrmaliger Aufforderung nicht beantworten: „Wer denn da ist?“ Schreibe Termin im Tierheim auf To-Do-Liste. Hunde sind eh hübscher.

    17: 29 Uhr

    Feierabend. Werfe jedem, der mir noch einen schönen Tag wünscht Todesblicke zu. Der letzte wirft den Tacker zurück. Kann nicht fangen. Au.

    18:15 Uhr

    Im Briefkasten nichts Neues. Also keine Rechnung. Also auch kein Liebesbrief. Bin zerrissen zwischen Emotionen. Hab aber noch Fernet.

    19:00 Uhr

    Esse Nudeln mit Käse.

    19:01 Uhr

    Erinnere mich,dass auch die fett machen und man dann keinen Freund findet. Macht mich auch nach der dritten Portion noch traurig.

    19:46 Uhr

    Entdeckt, dass staubsaugen noch einige Wochen länger verzögert werden kann, wenn Staub strategisch unter Schrank geföhnt wird. Wieder fröhlich.

    20:30 Uhr

    Tagestiefpunkt erreicht. Öffentlich-Rechtliches Fernsehen.

    20:55 Uhr

    Der heimische Rüsselkäfer stirbt aus. Kann mich von halb stündlichem Heulkrampf nur schwer erholen.

    21:12 Uhr

    Absoluter Tagestiefpunkt erreicht. Mutter ruft an. Beschimpfe sie und schreibe ihrer Eizelle alle Schuld für mein Geschlecht zu. Mutter versteht und seufzt. Sie hat soviel Kummer mit mir. Schluchze deswegen schuldbewusst. Mutter legt auf. Sie hat mich nie geliebt. Schlampe.

    21:29 Uhr

    Gehe zu Bett. Schaue in Kalender. Noch 13 Stunden, dann ist Menstruation. Gott sei Dank.


  10. Rache macht blau.

    Oktober 24, 2010 by luckyhundertmark

    Ich hab dich so lieb gehabt.

    Du bist der schönste Mann den ich je gesehen habe und mit dir zusammen war alles gut.

    Wie auf Wolken bin ich geschwebt und selbst wenn es mal Regen gab, ist er abgeperlt an meinem Glanz aus Glück.

    Wir beide gegen den Rest der Welt.Da haben wir zwar immer verloren, aber wir habens gemeinsam getan.

    Ich hab dich so lieb gehabt.

    Und jetzt hast du mich verlassen.

    Für Jenny, 21, 34/36, 85 D, Fußpflegerin. Ausm Osten.

    Und ich kann es verstehen.

    Ich hätte es an deiner Stelle ja nicht anders gemacht.

    Sie ist Filet Mignon und ich eher so Bockwurst.Geplatzte.Vielleicht mit Senf.Allerdings ohne Brötchen.

    Aber ich bin trotzdem traurig.

    Ich bin so traurig.

    Und sauer.

    Ich bin total sauer!

    Und ich will Rache.

    Die Augen werde ich ihr auskratzen, das Gesicht unter dem blondierten Pony zerschneiden und überhaupt kein gutes Haar werde ich an der Schlampe lassen und dir zersteche ich die Reifen und werfe dir faule Eier in die Wohnung und deinem Chef erzähl ich, dass du Büroklammern klaust und auf dem Schwarzmarkt ein Vermögen machst.

    Das Küchenmesser und die Türklinke in der Hand werfe ich noch einen letzten Blick in den Spiegel.Vielleicht ist das Schweißband keine so gute Idee.Bei Rocky sahs cool aus,aber seines war auch nicht rosa und mit dem Werbeaufdruck der benachbarten Videothek versehen.

    Außerdem bin ich Pazifistin.

    Ich mein, ich schlag ja nicht mal meine Sahne.

    Also bin ich wieder traurig.

    So traurig.

    Dann sitzt du jetzt also mit Jenny an der Bar. Jenny mit ihren perfekt lackierten Fußnägeln in kleinen Schleifenballerinas.

    Ihr Hintern wird besser auf den Barhocker passen als meiner und ihr werdet lachen und du wirst Geld in die Jukebox schmeißen und unser Lied an Jenny verschenken und sagen, es sei jetzt euers.

    Und ihr werdet Wodka trinken, so wie wir es immer getan haben.

    Du trinkst immer nur Wodka.

    Weil es cool aussieht und schön macht.

    Das ist die Idee.

    Der Geistesblitz trifft mich an der linken Schläfe.

    Ich werde meine Rache bekommen.

    Subtil wird sie sein,aber grausam.

    Ein Schlag von dem du dich nicht so schnell wieder erholen wirst.

    Ich geh jetzt raus und trinke den ganzen Wodka Hamburgs leer.

    Es wird keinen mehr geben,weder für dich noch für Hornhautraspel-Jenny und dann mußt du Bier trinken und wirst uncool aussehen und Jenny wird dich verlassen und dann bist du so traurig wie ich jetzt.

    Der Plan ist perfekt.

    Außerdem kann ich in diesem Fall das Stirnband auf behalten.

    Könnte noch nützlich sein.

    Also trage ich jetzt meine Haare offen und meinen Kopf oben und beginne mein teuflisches Werk bei Ali am Kiosk.

    Gib mir allen Wodka, den du hast, jedes noch so kleine Schlückchen, hörst du? Es geht um Leben und Tod und Blutrache!“

    Ali guckt.

    Hä? Kaufst du immer Astra, hab isch immer Astra.“

    Defizil lege ich Ali meinen Racheplan da und weihe ihn in die Genialität der unterschwelligen Brutalität ein. Wärenddessen trinke ich halt Astra,weil Ali keinen Wodka hat und der Mensch ja trotzdem Flüssigkeit braucht.

    Ali sagt:

    Hör doch auf mit Sauferei. Wirst du betrunken nur gevögelt, nicht geheiratet.“

    Ich sage ihm, dass es darum jetzt aber nicht geht und ich weiter muss,wenn ich bis Sonnenaufgang fertig sein will.

    Zwei Häuser weiter die erste Kneipe.

    Ich kenne sie nicht, beschließe aber, hier anzufangen, weil eine so gut wie die andere ist und ich ja irgendwo anfangen muss.

    Drinnen ist es sehr dunkel.

    Die Luft ist verraucht,die Musik laut an den Wänden hängen Ketten und Käfige, die Männer tragen lange Haare und die Frauen Leder.Ich habe keine Ahnung,wo ich hier rein geraten bin und ob ich lebend wieder raus komme.

    Als ich das Schild über dem Tresen sehe, bin ich erleichtert:

    Hoheitsgebiet der Hells Angels.“

    Hier gibt es auf jeden Fall Wodka.

    Den bestelle ich auch.

    Wodka bitte!“

    Einen?“

    Allen.“

    Die Musik verstummt.

    Plötzlich ist es totenstill.

    Die Männer in den Jeanswesten drehen sich langsam zu mir um, die Frauen ziehen erwartungsvoll die Augenbrauen nach oben, die Blicke des ganzen Ladens ruhen auf mir.

    Die Luft ist zum zerreißen gespannt.

    Warum hat man eigentlich nie eine Stecknadel, wenn es einen Moment gibt, an dem man sie fallen hören könnte?

    Obwohl, vielleicht auch nicht.

    Der Laden wirkt nicht, als würde er regelmäßig gewischt.

    Ich denke noch darüber nach, warum ich gerade jetzt darüber nachdenke, da stellt der Barmann eine Literflasche Smirnoff auf den Tresen.

    Dann trink Mädchen.“

    Kann ich einen Strohhalm haben?“

    Unter den aufmerksamen Augen von 25 Rockern mache ich mich frisch ans Werk.

    Ein bißchen tun sie mir leid.

    Sie können ja nicht ahnen, dass ich aus Westfalen komme und den Schnaps praktisch mit der Muttermilch aufgesogen habe.

    Frühschoppen war schon immer der einzige Sport, in dem ich gut war.

    Die Flasche ist also in fünf Minuten erledigt und ich ein offizielles Mitglied der Tresenmannschaft im Steppenwolf.

    Sie können meine Rachegelüste nach voll ziehen und bieten sich freundlicherweise an, Jenny oder dich mit dem Motorrad zu überfahren und in der Elbe zu versenken.

    Ich glaube ihnen,dass sie das nicht zum ersten Mal machen und daher ihr Handwerk verstehen, erkläre aber, das ich diese Sache allein tun muss.

    Das verstehen sie.

    Der Barmann stellt mir die gesamten Wodkavorräte auf den Tresen und ich kann ne Viertelstunde später theoretisch einen Harleyreifen wechseln.

    Als ich ausgetrunken hab stehe ich auf und zum ersten Mal kommt mir die Idee,dass mein Plan scheitern könnte.

    Ich bin voll wie zwanzig Russen.

    Freunde, ich muss weiter!“ lalle ich gegen die Musik an und falle wie zur Bestätigung erstmal der Länge nach hin.

    Mein neuer Freund Hartmut nutzt die Gelegenheit und tatoowiert mir einen Anker auf den Oberarm.

    Ich beschließe mich morgen darum zu kümmern, denn die Sache muss weiter gehen.

    Aufgerappelt und in die Kneipe gegenüber.

    Nur Männer in hellblau-weiß-gestreiften Hemden.

    Entweder ist das hier ein Treffen der Metzgerinnung oder der totale Yuppischuppen.

    Ist aber egal, ich kriege meine zwei Flaschen Wodka und die volle Unterstützung der Barfrau.

    So kämpfe ich mich durch die Nacht, von Tresen zu Tresen, mit meinen traurigen Augen und einer Mission.

    Manche weinen mit mir, andere haben aufmunternde Worte, wenige stecken mir Geld zu.

    Alles was ich tue, ist anstoßen und trinken und dich hassen.

    Dich und Jenny und das ihr mich dazu gebracht habt, meinen Monatslohn zu versaufen.

    Als es schließlich dämmert, ist es vollbracht.

    Der Portier vom Atlantic versichert mir glaubwürdig,das er die Minibars dreimal kontrolliert habe und ich gerade die letzte noch übrige Flasche ansetze.

    Ich trinke auf sein Wohl und lehne das Taxi dankend ab.

    Ich will nochmal über den Kiez gehen, nochmal die Stationen meines Triumphes an mir vorüber ziehen sehen und mir dein Gesicht vorstellen, wenn du Wodka bestellst und keinen bekommst und dich dann an deiner Altbierbowle festhältst und Jenny dich sieht und auf der Stelle sitzen läßt.

    Das hab ich alles ganz allein geschafft.Ich bin nämlich die Größte.Die Allerallergrößte!“

    schreie ich in die Nacht hinein und hangel mich vom Laterne zu Laterne.

    Zwischendurch krieche ich ein Stück,da meine Beine den Dienst komplett versagen.

    Rache ist süss. Und diese Nacht war wie Zuckerwatte mit Guss.

    Du bist sowas von erledigt.

    Kurz vor meiner Haustür kommst du mir entgegen.

    Hand in Hand mit Jenny.

    Hey! Wir waren auf dem Markt und haben Apfelsinen gekauft. Wir machen jetzt Saft selber.Wir sind nämlich jetzt straight edge.“

    Ich starre.

    Durch euch beiden, durch die Hauswand und über den Horizont hinaus.

    Zu mehr bin ich weder in der Lage noch motiviert.

    Solltest du vielleicht auch mal überlegen, würde dir sicher gut tun!Siehst bißchen fertig aus.“

    Ich nicke und winke zum Abschied.

    Und dann dreh ich mich um und geh zu Ali.

    Astra kaufen.